In der Zahnradbahn zum Gornergrat drängen sich die Touristen. Auffallend viele eilen an der Station Rotenboden zum Ausgang. Es zieht sie zum Riffelsee. Ein Instagram-Hotspot: Wenn es windstill ist, spiegelt sich das Matterhorn perfekt im See. Wenn Adrian Möhl hier hochfährt, kommt er nicht wegen des Sees, sondern wegen der Pflanzen, die hier oben wachsen. Er ist Botaniker am Botanischen Garten Bern und an der Universität Bern. Ebenfalls engagiert er sich bei InfoFlora. Ihm ist es zu verdanken, dass nicht mehr bis zu dreitausend Touristen pro Tag für ein schnelles Foto rücksichtslos quer über die Hänge voller geschützter Pflanzen Richtung See stapfen. «Die Hänge wurden durch die Tritte mehr und mehr erodiert. Der wenige Humus wurde ausgewaschen. Die zarten Polster mit vielen gefährdeten Pflanzen achtlos niedergetrampelt. Ausgerechnet hier oben, wo auf 2800 Metern Höhe für Botaniker ein so spannender Ort ist», bedauert er.
Die Idee des Gartens umgekrempelt
So entwickelte Möhl die Idee, genau hier einen «Alpingarten» zu schaffen. Etwa 5000 Quadratmeter in Folge der achtlosen Begehung teils stark erodierter Berghang wurden durch einen Zaun geschützt, der diesen Garten nun umgibt. «Im Grunde krempeln wir hier das Konzept des Gartens um. Nicht die Pflanzen kommen zum Garten, sondern der Garten kommt zu den Pflanzen», fasst Möhl das Prinzip zusammen.
Im «Alpingarten» geht es nur um die Pflanzen, die es hier oben ohnehin schon gibt. Sie werden sichtbarer gemacht, besser in Szene gesetzt. Wege wurden angelegt, Namenstafeln mit Fotos und QR-Codes aufgestellt.
Pflanzen, die man selten sieht
Am Rotenboden kommen auf 2800 Metern Höhe zahlreiche Pflanzen vor, die man sonst kaum je zu Gesicht bekommt. «Die Flora ist hier oben noch weitgehend intakt. Fast wie eine Art Arche Noah der Biodiversität», schwärmt der Botaniker. In den Alpen steigen die Pflanzen nur an wenigen Orten je über 3000 Meter. Die Sommer sind weiter oben zu kurz, der Stress für die Pflanzen zu gross.
«Die Region Gornergrat, die von Viertausendern umgeben ist, bildet eine Ausnahmeerscheinung. Im Schutz dieser gewaltigen Berge kommen viele Arten höher vor als in anderen Regionen der Alpen», erzählt Möhl. «In den Berner Alpen gibt es auf dieser Höhe längst keine geschlossenen Rasen mehr.» Der Bergsommer ist auch hier oben am Gornergrat kurz. Entsprechend schnell müssen sich die Pflanzen entwickeln. Im vergangenen Jahr schwand der letzte Schnee erst im Juli. «Wenn es gut läuft, dauert die Blühphase von Mai bis Oktober. Wenn es schlecht läuft von Juni bis Juli», so Möhl.
29 Viertausender
In der Nähe des Gartentors bleiben wir stehen und beobachten den Strom der Besucherinnen und Besucher, die am Rotenboden aus der Bahn quellen. Mit gezücktem Handy hasten die meisten in Turnschuhen Richtung See, um die besagte Spiegelung des Matterhorns zu fotografieren. Diejenigen aber, die wirklich wegen der Natur kommen, nehmen sich Zeit für den Garten und geniessen dabei den Rundumblick auf 29 der 48 Schweizer Viertausender, darunter die Dufourspitze und natürlich das Matterhorn.
Der höchstgelegene Alpengarten überhaupt geht nun in sein viertes Jahr. Die bestehende Flora ist das Grundgerüst des Gartens. Adrian Möhl ist nun zusammen mit der Gornergratbahn daran, aus dem erodierten Hang den «Alpingarten» zu schaffen. Die Pflanzen sind mit erklärenden Schildchen und QR-Codes mit weiterführenden Informationen versehen. Dank der Zustimmung des Kantons war es auch möglich, ein paar emblematische und gefährdete Arten des Gornergrats in den Garten zu bringen. Sie sind so auch für Menschen zugänglich, die keine gewagten Klettertouren mehr unternehmen können.
Tatkräftig unterstützt wird Möhl von Jakob Graven, der in der Gegend wohnt, die empfindlichen Pflanzen hegt und für den Unterhalt sorgt.
Dank Smartphone wird weniger gepflückt
Graven zeigt die Schätze des Gartens gern, wenn ihn Touristen bei der Arbeit ansprechen: «Wir haben hier oben acht Enzian-Arten, darunter sehr spezielle wie den Schnee-Enzian, den Reichästigen Enzian, den violett blühenden Feldenzian und den Aufgeblasenen Enzian», zählt er auf. Die Leute seien dann immer sehr überrascht. «Sie denken, alles Blaue sei ein und derselbe Enzian.» Besonders Freude hat er daran, dass seit letztem Sommer auch das Edelweiss in Massen zurückkehrt. Es war durch die vielen zertrampelten Stellen völlig aus dem jetzigen Gartengelände verschwunden.
Immerhin seien die Touristen zurückhaltender mit dem Pflücken, seit jeder ein Smartphone habe, erzählt Graven weiter. «Früher hat jeder ein Edelweiss und einen Enzian mit nach Hause nehmen wollen, ganz egal, ob sie geschützt sind. Heute begnügen sich die Leute damit, sie zu fotografieren.»
Hier oben gedeiht die kleinste Weide überhaupt, die Quendelblättrige Weide (Salix serpillifolia). Sie wirkt für Laien wie ein gewöhnliches Pflanzenpolster und wird nur zwei Zentimeter hoch. Botanisch ist sie klar ein Baum. «Die oberirdischen Teile sind teils hundertjährig. Wenn ich das den Leuten erzähle, können sie es immer kaum glauben», berichtet Graven schmunzelnd.
Sogar eine einzelne Lärche behauptet sich im Alpingarten. Sie versteckt sich in einem Gesteinsspalt. Darin hat sie auf 2800 Metern einen geschützten Ort gefunden, der sie hier auf dieser unwirtlichen Höhe überhaupt gedeihen lässt. Höher als bis zur Oberkante ihres Felsbrockens kann sie nicht wachsen. Sie ist schon Jahrzehnte alt. «Ihre Vegetationszeit ist sehr kurz. Die Nadeln erscheinen im Juni. Im August färbt sie sich schon herbstlich gelb. Aber sie kommt Jahr für Jahr wieder», stellt Jakob Graven liebevoll fest. Wie alt sie genau ist, wagt niemand nachzuprüfen. Natürlich könnte man ihren Stamm anbohren, um die Jahresringe zu zählen. Das könnte jedoch eine Pilzinfektion zur Folge haben oder sie so schwächen, dass sie eingeht. Sie wird deshalb ihr Mysterium behalten.
Der höchste Alpingarten Europas
Der Alpingarten ist von Zermatt aus mit der Gornergratbahn zu erreichen. Ausstieg Rotenboden. Gewöhnlich startet die Blühsaison im Juni und dauert bis September. Auch im Oktober kann man noch von der schönen Herbstfärbung der Matten profitieren.
Mehr Informationen finden Sie unter:
gornergrat.ch/de/stories/alpingarten









