Die Abwasserreinigungsanlage (ARA) Werdhölzli von Entsorgung + Recycling Zürich reinigte im Jahr 2024 rund 86,6 Millionen Kubikmeter Abwasser. Sie bedient rund 500`000 Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt Zürich an 365 Tagen im Jahr, rund um die Uhr.
An diesem Morgen führt ein Mitarbeiter der ARA Werdhölzli eine kleine Besuchergruppe über das weitläufige Gelände – dorthin, wo sonst niemand freiwillig hinschaut. «Warum interessieren Sie sich für das Klärwerk?», fragt er zu Beginn. «Wir wollen wissen, wo unsere Exkremente hingehen», antwortet jemand aus der Gruppe. Gelächter. «Nein, ernsthaft: Wir möchten verstehen, wie schmutziges Abwasser wieder sauber wird.»
Wenn das Klärwerk zum Nachbarn wird
Kaum ist die Gruppe unterwegs, wird der Geruch intensiver. Früher, erzählt der ARA-Spezialist, habe zwischen dem Klärwerk und der Stadt noch eine Kuhweide gelegen. Heute grenzt die Anlage direkt an Wohnquartiere. Beschwerden aus der Nachbarschaft gebe es öfter – je nach Wetterlage und Windrichtung. «Heute haben Sie Glück, es riecht nicht allzu stark.»
Dass in Schweizer Gewässern bedenkenlos gebadet werden kann, ist keine Selbstverständlichkeit: Noch in den 1950er-Jahren gelangte nur mechanisch vorgereinigtes Abwasser in die Gewässer. Erst der flächendeckende Bau von Abwasserreinigungsanlagen ab den 1960er-Jahren verbesserte die Wasserqualität. Heute durchläuft das Abwasser einen fünfstufigen Reinigungsprozess: mechanische, biologische und chemische Reinigung, ergänzt durch die Entfernung von Mikroverunreinigungen mittels Ozonung (bei ausgewählten Anlagen) und Filtration.
Was nicht ins WC gehört
Bei der Informationswand setzt sich der Rundgangleiter demonstrativ auf ein WC, steht wieder auf und drückt den Spülknopf. «Wie lange dauert es, bis Ihr Toilettengang von heute Morgen hier ankommt?», fragt er einen Besucher, der in der Nähe des Stadions Letzigrund wohnt. 40 Minuten , lautet die Antwort. «Ihr ‹Geschäft› müsste inzwischen eingetroffen sein», rechnet der Mitarbeiter vor. Der Betroffene errötet leicht und lacht.
Zusätzlich zeigt eine Tafel an der Wand alle verbotenen Stoffe, die nicht in die Kanalisation gehören. Besonders erstaunt reagieren einige Teilnehmende auf den Hinweis, dass Feuchttücher nicht im WC entsorgt werden sollten. Sie sind aus reissfesten Fasern mit Bindemitteln, wodurch sie sich langsamer zersetzen als Toilettenpapier. Zudem gelte die vom Hersteller angegebene Zersetzbarkeit nur unter Laborbedingungen, erklärt der Rundgangleiter. In der Realität würden Feuchttücher und ähnliche Produkte in der Kanalisation zu Verstopfungen und Verknotungen führen, die von Mitarbeitenden in mühsamer manueller Arbeit entfernt werden müssen. Aber auch Haare, Tampons, Binden, Essensreste, Windeln, Wattestäbchen, Katzenstreu, Öle, Fette, Farben, Zigarettenstummel, Lösungsmittel und Medikamente gehören nicht ins Abwasser. Nur WC-Papier, Fäkalien, Urin und Seifenwasser sind erlaubt.
Ein bisschen Ekelgefühl für den Adrenalinkick
Die Gruppe betritt das Rechengebäude. «Atmen Sie ab jetzt nur noch durch den Mund», warnt der Mitarbeiter die Leute. Ein Schritt in die Halle, und der Geruch schlägt zu. Schwer, süsslich, faul. Das Abwasser Zürichs strömt durch drei Kanäle auf drei gigantische Rechen zu. An starken Regentagen fliessen hier bis zu 6000 Liter pro Sekunde, an trockenen Tagen durchschnittlich 2200 Liter pro Sekunde. Ein Blick auf den Rechen zeigt all das, was keiner sehen will: feuchte Toilettentücher, grosse Fäkalienstücke oder Speisereste. Aber auch Holzstücke oder Plastikteile schwimmen mit. Vor allem der Anblick der Fäkalienstücke löst bei den Besucherinnen und Besuchern Ekel aus.
«Im Jahr 2024 wurden 999 Tonnen Abfall aus dem Abwasser gefiltert», erklärt der ARA-Mitarbeiter weiter. Das Abgefangene werde anschliessend entwässert, gepresst und in der Kehrichtverbrennungsanlage Hagenholz verbrannt. Grobe Stoffe wie Steine, Kies oder Glas werden im Kiesfang am Kanalboden abgefangen. Trotz Reinigung bleibt das Material stark verschmutzt und kann nur noch endgelagert werden.
Auf die Frage nach dem schlimmsten denkbaren Szenario für die ARA erklärt der Spezialist: «Kritisch wäre ein unkontrolliertes Abfliessen von ungeklärtem Abwasser in die Limmat oder ins Grundwasser, etwa infolge einer Havarie.» Um einen zu hohen Zufluss von mehr als 6000 Litern pro Sekunde abzufangen, hält die ARA unter der Werdinsel bei starkem Niederschlag einen Teil des Mischabwassers in grossen Regenüberlaufbecken zurück.
Gerettete Amphibien zwischen Öl und Sand
Es geht weiter zum Öl- und Sandfang. Hier werden Öle und andere Fette aus dem Wasser entfernt und feinerer Sand am Boden abgefangen. Indem Luft in das Wasser eingeblasen wird, schwimmen die leichten Stoffe auf, die zum Schluss an der Oberfläche abgeschöpft werden – «wie beim Abrahmen der Milch», macht der ARA-Kenner den Vergleich. Wer bisher zu Hause das Öl aus der Bratpfanne jeweils in den Abguss leerte, wird sich spätestens bei diesem Prozessschritt der Folgen bewusst.
Am Rand des Beckens entdecken die Teilnehmenden zu ihrem Erstaunen eine kleine Rampe mit einem Häuschen. Es ist eine Amphibienausstiegsstelle. Für Tausende Frösche und Molche ist diese unscheinbare Rampe der einzige Ausweg. Rund 3500 Tiere wurden so im Jahr 2024 vor dem sicheren Tod gerettet.
Wenn Schlamm zu Energie wird
Wie sauber das Wasser inzwischen ist, zeigt der Rundgangleiter mit einer Probe. In der Plastikflasche schwimmen noch Kleinststoffe aus Fäkalien, Essensresten oder Papierfetzen. Nachdem das Öl aus dem Abwasser entfernt wurde, fliesst es im nächsten Schritt in vier runde Vorklärbecken mit einem Durchmesser von 46 beziehungsweise 48 Metern. Der Klärschlamm wird hier bei einer ruhigen Strömung am Boden abgesetzt, um anschliessend abgesaugt zu werden. Zur Belustigung der Besuchenden sitzen ein paar Möwen auf der ruhigen Wasseroberfläche und demonstrieren die Gemütlichkeit der Becken.
Dass im Klärschlamm viel Energie steckt, beweist die anschliessende Biogasverarbeitung. Der Mitarbeiter zeigt in Richtung der siloförmigen Tanks unweit der Gruppe. In einem aufwendigen Verfahren wird der Klärschlamm vor Ort zu Biogas verarbeitet. «Rund 5000 Zürcher Wohnungen werden mit unserem Biogas beheizt», erklärt der Spezialist den Zuhörerinnen und Zuhörern. «Sie sehen, im Abwasser steckt also viel Energie.» Die mechanische Reinigung ist abgeschlossen.
Dream-Team: Bakterien & Co.
Die Gruppe steht bei den Becken der biologischen Reinigung. Hier sorgen Milliarden von Bakterien und andere einzellige Mikroorganismen dafür, dass das Abwasser gereinigt wird. Zwölf Becken mit rund 18 000 unterirdischen Belüftern sorgen für die nötige Durchmischung. Ein Blick ins Wasser zeigt eine dunklere Färbung – ein Zeichen dafür, dass Bakterien & Co. arbeiten. Sie bauen organische Stoffe wie Kot, Urin, Essensreste oder Papier ab. Ein Festessen für die Bakterien.
Der ARA-Mitarbeiter erklärt der Gruppe ausführlich den Unterschied zwischen aeroben und anaeroben Bakterien und ihre Rolle beim Stickstoffabbau. Ziel ist es, die Überdüngung der Gewässer zu verhindern. Die aeroben Bakterien wandeln unter Zufuhr von Sauerstoff das Ammonium, das z. B. aus Urin oder organischen Abfällen stammt, zu Nitrat um – die sogenannte Nitrifikation. Dank der anaeroben Bakterien wird in sauerstoffarmen Zonen das entstandene Nitrat weiter zu elementarem Stickstoff abgebaut, der als Gas in die Atmosphäre entweicht. Dieser Vorgang heisst Denitrifikation.
Auch Phosphor könne eine Überdüngung verursachen, so der ARA-Mitarbeiter. Durch die Zugabe von Eisensalz werden dann die Phosphate mittels eines chemischen Prozesses zu unlöslichen Eisenphosphat-Flocken gebunden, die zum Schluss im Schlamm landen.
Nach der biologischen und chemischen Reinigung wird der Schlamm in den Nachklärbecken bei ruhiger Strömung zum Sinken gebracht. Wobei ein Teil in die biologische Reinigung zurückbefördert wird, um so die Konzentration der Mikroorganismen aufrechtzuerhalten. Der andere Teil wird als Überschussschlamm in die Biogasproduktion befördert.
Wenn Hormone zur Gefahr werden
In den meisten Schweizer ARA-Anlagen wäre das Abwasser an dieser Stelle bereits gereinigt. Nicht so in Zürich: Die Konzentration von Mikroverunreinigungen sei hier zu hoch, erklärt der ARA-Experte. Unter Mikroverunreinigungen versteht man kleinste Mengen an chemischen Stoffen (im Nanogrammbereich), etwa Medikamente, Hormone sowie Pflanzenschutz- oder Kosmetikreste. In den bisherigen Reinigungsstufen können sie nicht vollständig entfernt werden. Gelangen zum Beispiel Hormone aus Antibabypillen in zu hoher Konzentration in die Gewässer, kann dies bei Fischen zu Geschlechtsveränderungen führen. In diesem Reinigungsschritt, der Ozonung, kommt Ozongas zum Einsatz. Die Mikroverunreinigungen werden in reaktive Bruchstücke gespalten.
Die Filtration bildet die letzte Reinigungsstufe. In 18 Filterbecken sickert das Abwasser durch eine Sandschicht, um kleinste Schwebstoffe und letzte Belebtschlammrückstände nach der biologischen Reinigung und der Ozonung zu entfernen. Erst jetzt ist das Wasser ausreichend gereinigt und kann in die Limmat fliessen – das gleiche Gewässer, in dem die Zürcherinnen und Zürcher im Sommer baden. Für die Besucherinnen und Besucher bleibt vor allem Folgendes haften: ein abgehärteter Geruchssinn und die Erkenntnis, dass das WC kein Abfalleimer ist.
Abwasserreinigung in der Schweiz Rund 750 öffentliche Kläranlagen reinigen schweizweit das Abwasser.
● In den 1950er-Jahren beschränkte sich die Abwasserreinigung vielfach auf die mechanische Reinigung.
● In den 1960er-Jahren setzte sich die biologische Abwasserreinigung durch. Und ein flächendeckendes ARA-Netz wurde eingeführt.
● In den 1970er-Jahren folgte die Einführung der chemischen Reinigungsstufe in Form der Phosphatfällung.
● In den 1980er- und 1990er-Jahren wurde die Stickstoffelimination ausgebaut (Nitrifikation und Denitrifikation).
● 2014 legt der Bund fest, dass in ausgewählten Abwasserreinigungsanlagen die Elimination von Mikroverunreinigungen eingeführt wird (Aktivkohleverfahren oder Ozonung).
Rundgang bei der ARA Werdhölzli
Der Rundgang «Abwasserreinigungsanlage Werdhölzli» kann ab fünf Teilnehmern unter stadt-zuerich.ch gebucht werden.








