Sanieren

Bauen zwischen alten Mauern

Der Wohnhof Colmi des Basler Architekturbüros Rahbaran Hürzeler zeigt, welches Potenzial in Hinterhöfen steckt.

von Andrea Eschbach

Journalistin, Zürich

Die Städte wachsen – und mit ihnen die Herausforderungen. Wohnraum wird knapper, Freiflächen kostbarer, «Verdichtung» zum politischen und planerischen Schlüsselbegriff. Doch Dichte ist mehr als die Addition von Quadratmetern. Sie wirft die Frage auf, wie wir künftig zusammenleben wollen – räumlich, sozial und ökologisch.

Nahe dem Burgfelderplatz in Basel liefert der Wohnhof Colmi des Architekturbüros Rahbaran Hürzeler die Antwort auf diese Debatte mit einem präzisen Eingriff im Bestand. An der Colmarerstrasse befand sich eine typische Blockrandparzelle mit tiefem, über Jahrzehnte gewachsenem Hinterhof. Vorder- und Hinterhaus, Scheune, Werkstätten und diverse Anbauten hatten das Grundstück nahezu vollständig überbaut. Teile stammten aus dem späten 19. Jahrhundert – darunter ein überhoher Naturkeller zur Weinlagerung und ein alter Pferdestall an der rückwärtigen Brandmauer. Viele Gebäude waren baufällig, der Hof asphaltiert und verstellt.

Ensemble aus Wohnen, Kleingewerbe und Ateliers

Statt den Ort vollständig neu zu denken, entwickelten die Architektinnen Shadi Rahbaran und Ursula Hürzeler ein Ensemble aus Umnutzung und Ersatzneubauten. Erhaltenswerte Strukturen wie der Naturkeller und der Pferdestall wurden integriert, fehlende oder marode Bauten ersetzt. So entstand ein dichtes Gefüge aus Wohnen, Ateliers und kleinem Gewerbe, das sich entlang der bestehenden, über 100 Jahre alten Brandmauern organisiert und in seiner Mitte einen gemeinschaftlichen Garten freispielt. «Wir haben das Areal maximal ausgenutzt, ohne den Hof zuzubauen, sondern ihn im Gegenteil freizuspielen», so Ursula Hürzeler.

Ein sechsgeschossiges Vorderhaus ersetzt den Altbau zur Strasse. Filigrane Betonstrukturen treffen dabei auf vorfabrizierten Holzbau. Wie gestapelte Tische – gehalten von einem aussteifenden Kern – steht die neue Struktur zwischen den seitlichen Brandmauern aus Naturstein. Eine vorgehängte Holzfassade – zur Strasse mit einer dünnen Wetterschicht aus Metall bekleidet, zum Hof mit Holzschalung – verleiht dem Bau Leichtigkeit. Im Erdgeschoss befindet sich hinter einer hellgrünen Keramikfassade ein Ladenlokal, darüber liegen drei Geschosswohnungen und eine zweistöckige Attikawohnung. Die reduzierte Tragstruktur ermöglicht flexible Grundrisse, die sich an unterschiedliche Wohn- und Arbeitsformen anpassen lassen. Sichtbetonoberflächen, filigrane Unterzüge und schlanke Stützen prägen die Innenräume. Während sich das Vorderhaus zur Strasse hin mit den französischen Fenstern mit seitlichen Klappläden ganz städtisch gibt, öffnet es sich zum Hof hin mit grossen Fenstern und halbmondförmigen Balkonen.

Im Hof reagieren drei aneinandergereihte Townhouses situativ auf den Bestand: Die kompakten Neubauten sind in vorfabrizierter Holzbauweise gefertigt. Zwei Betonscheiben trennen die Einheiten voneinander und dienen gleichzeitig zur Abstützung der neuen Holzstruktur sowie der rund zwölf Meter hohen, rückseitigen Brandmauer. Die Reihenhäuser – in Breite und Höhe unterschiedlich konzipiert – wirken luftig und leicht, zarte Farben, Holz, Glas und Metall bestimmen die Wirkung. Zur Überraschung der Architektinnen kam unter dem Areal der Townhouses ein Naturkeller zum Vorschein, der als Weinlager diente. Sie beschlossen, diesen zu inszenieren. Nun führt eine Freitreppe in die Tiefe, ein verglaster Kubus beherbergt einen Gemeinschaftsraum; ein abgesenkter, begrünter Lichthof bringt Tageslicht ins Untergeschoss.

Der Hofraum als gemeinschaftlicher Ort

Für neues Leben im Hinterhof sorgt zudem der historische Pferdestall, der mit wenigen gezielten Eingriffen zu einem zweigeschossigen, offenen Wohnatelier umgebaut wurde. Eine lachsfarbene Wendeltreppe verbindet dort den Atelierbereich mit dem Wohnbereich darüber. An die südöstliche Brandmauer schliesst ein eingeschossiger pavillonartiger Holzbau zur gemeinsamen Nutzung an, der das Gebäude-Ensemble und den Hofgarten vervollständigt. Er bildet die räumliche und soziale Mitte – ein Treffpunkt für alle Bewohnenden. Gemeinschaftlich genutzt, dient er sowohl zum Wohnen wie auch zum Arbeiten, ein Vorhang unterteilt den Innenraum nach Wunsch. «Dichte kann sehr gut funktionieren, wenn die Qualität stimmt. Gute gemeinschaftliche Räume sind entscheidend», sagt Architektin Shadi Rahbaran.

Der Begriff «Dichtelust», in Anlehnung an eine Ausstellung im Schweizerischen Architekturmuseum, beschreibt treffend die Haltung hinter dem Projekt. Dichte wird hier nicht als Zwang verstanden, sondern als Chance für urbanes Zusammenleben. Entstanden ist eine vielfältige Hofwelt, die wie eine Collage wirkt. «Unser Ziel war es, einen Ort für ein Miteinander zu schaffen. Das ist gelungen – inzwischen gibt es sogar einen Gruppen-Chat der Bewohnenden, und man trifft sich zum gemeinsamen Austausch», sagt Ursula Hürzeler.