Der Vitra Campus in Weil am Rhein (D) ganz in der Nähe von Basel strotzt nur so von Gebäuden, die Architekten mit grossen Namen entworfen haben. Frank Gehry, Zaha Hadid, Alvaro Siza, Herzog & de Meuron. Fast unbemerkt ist ein weiteres Werk dazugekommen: das Doshi-Retreat. Pritzker-Preisträger Balkrishna Doshi wirkte in Indien, so dass er trotz seiner wegweisenden Werke in Europa weniger bekannt ist.
Sein einziges Bauprojekt ausserhalb Indiens kann man nun also in Weil am Rhein erleben. Es ist auch das letzte, das er noch selbst planen konnte, bevor er mit 95 Jahren starb. Seine Enkelin Khushnu Panthaki Hoof hat es zusammen mit ihrem Mann Sönke Hoof vollendet. Gemeinsam gestalteten die drei Form und räumliche Rhythmen in Harmonie zur Umgebung. In Rasenflächen eingebettet schlingen und winden sich Pfade immer tiefer bis zum zentralen Bauwerk, dem Retreat.
Eintauchen in eine klangvolle Atmosphäre
Kaum hat man die ersten Schritte auf den gewundenen Pfaden gemacht, vergisst man, dass rechts eine von Vitras Produktionshallen für Design-Möbel steht und links der Verkehr auf der Bundesstrasse vorbeibraust. Die ineinander verwundenen Gänge werden seitlich von immer höher werdenden rostfarbenen Wänden umfasst, die zum zentralen Punkt leiten. In Anlehnung an die sensorischen Umgebungen in östlichen Tempeln spielt im Doshi Retreat der Klang eine wesentliche Rolle. Ein Audiosystem, eingebettet in Vertiefungen im Boden, verbreitet entlang des Weges wechselnde Klangsequenzen. Schnell nimmt die besondere Atmosphäre die Besuchenden auf, und die eigentlich industriell geprägte Umgebung versinkt in Bedeutungslosigkeit.
Regenwasserbecken und ein Gong
Ganz von selbst wird man immer tiefer in die sehr spezielle Atmosphäre gezogen. Die Metallwände werfen die Klänge der Musik zurück und enden schliesslich in einem gewölbten Tunnel, der in den Kontemplationsraum führt. Ein schlichter, gerundeter Raum mit Regenwasserbecken, zwei halbkreisförmigen Steinbänken und einem den Raum beherrschenden Gong. Ein handgefertigtes Messing-Mandala durchbricht die Decke und lässt das Licht nur gedämpft in den Raum.
Khushnu Panthaki Hoof sagt dazu: «Es ist der Klang, der durch den Körper der Besucherin oder des Besuchers widerhallt, der die Grenze zwischen dem Selbst und der Struktur aufhebt. Das Gebäude reflektiert den Klang zu einem zurück und verwandelt sowohl die Reise als auch den Raum in Resonanzinstrumente.» Die verschlungenen Wege, die sich immer wieder kreuzen, bis sie sich schliesslich im zum Raum führenden Tunnel vereinigen, habe Doshi auf Basis einer seiner Träume skizziert, in dem er zwei ineinander verschlungene Kobras sah, wie sie erzählt. Hoof fährt fort: «In seinem letzten Lebensjahrzehnt hat sich mein Grossvater mehr der Kunst zugewandt. Aber bei diesem Projekt kehrte er an das Zeichenbrett zurück – um uns bei der Gestaltung des Entwurfs zu leiten.»
Der Entwurf stützt sich auf die spirituelle Philosophie der Kundalini. Der Begriff aus dem Sanskrit bedeutet «gewunden» oder «spiralförmig» und bezieht sich auf die latente Energie an der Basis der Wirbelsäule. In den Traditionen des Yogas wird das Erwecken und Aufsteigen dieser Energie durch die Chakren als wesentlich für die spirituelle Transformation angesehen.
Stahlbänder aus Stahlschrott
Von der Gartengestaltung her erwähnenswert sind die vom Rost gefärbten Stahlbänder, welche die sich stetig vertiefenden Wege und Rasenfläche teilen und teils mannshoch einfassen. Da Doshis Lebensthema die Nachhaltigkeit war, bestehen diese Bänder aus geschmiedetem und geformtem Xcarb-Stahl. Dieses Material hat deutlich geringere CO2-Emissionen als herkömmlicher Stahl. Es besteht zum überwiegenden Teil aus Stahlschrott und wird mit erneuerbarer Energie produziert. Durch kontrollierte Korrosion erlangt der Stahl von selbst seine warme Patina.
Der Vitra Campus lockt im Jahr bis zu 400 000 Besucher an. Durch seine versteckte Lage hinter dem von Frank Gehry entworfenen Design-Museum bleibt das Retreat von vielen unbemerkt, da es sich in einen Landstreifen schmiegt, der hinter dem Museum verborgen ist. Wem es gelingt, ausserhalb der Stosszeiten dort zu sein, hat gute Chancen, diesen sehr speziellen Ort nur mit wenigen anderen Besuchern teilen zu müssen. Es lohnt sich, ruhige Momente zu nutzen, um den Zauber dieses Ortes ohne Hektik entdecken zu können.
Balkrishna Doshi
Balkrishna Doshi (1927 bis 2023) wuchs in der Aufbruchsstimmung der indischen Unabhängigkeitsbewegung auf, zu deren Leitfiguren Mahatma Gandhi und Rabindranath Tagore zählten. Im Jahr der indischen Unabhängigkeit 1947 begann er sein Architekturstudium in Bombay (heute Mumbai). Ab 1951 arbeitete er einige Jahre lang mit Le Corbusier, anfangs auch in dessen Atelier in Frankreich, später leitete er für ihn Projekte in Indien. Diese Zeit prägte den jungen Architekten bezüglich der elementaren Formen und Baumaterialien der architektonischen Moderne. Ab 1962 arbeitete er auch mit Louis Kahn zusammen.
1962 gründete er die School of Architecture am Centre for Environmental Planning and Technology (CEPT) in Ahmedabad. 1976 initiierte er die Vastushilpa Foundation for Studies and Research in Environmental Design mit dem Ziel, an die Gesellschaft, Kultur und Umwelt Indiens angepasste Gestaltungs- und Planungsnormen zu entwickeln. Als Doshi mit 95 Jahren starb, hatte er mehr als 100 Bauten geschaffen und sich als Pionier der nachhaltigen Architektur verdient gemacht.
Doshi wurde mit zahlreichen Preisen und Ehrungen ausgezeichnet, darunter der Global Award for Lifetime Achievement for Sustainable Architecture, der Aga Khan Award for Architecture und die Goldmedaille der französischen Académie d’Architecture. Als erster indischer Architekt erhielt er 2018 den Pritzker-Preis. 2022 gewann er die Royal Gold Medal für Architektur.
Doshi Retreat auf dem Vitra Campus
Das Doshi Retreat ist täglich von 10 bis 18 Uhr frei zugänglich.
Mehr Informationen finden Sie unter:
vitra.com









