Basel leistet sich ein Experiment – und zwar ein ziemlich grosses. Rund neun Millionen Franken investiert die Stadt in ein neues Naturbad im Dreispitz-Areal. Der «Gleispool» wird 170 Meter lang, unterteilt in ein Sport- und ein Planschbecken, und soll im Sommer 2027 eröffnet werden. Gereinigt wird das Wasser nicht mit Chlor, sondern biologisch. Platz soll es pro Saison für rund 50 000 Badende geben.
Was im öffentlichen Raum noch als Vorzeigeprojekt gilt, ist im Privatgarten schon angekommen. Immer mehr Hauseigentümerinnen und -eigentümer wünschen sich ein Badegewässer, das ohne chemische Desinfektion auskommt. Biopools, Naturpools und Schwimmteiche sind eine ernsthafte Alternative zum klassischen Chlorpool. Schon allein, weil es die heutige Technik möglich macht.
Muss Chlor Standard sein?
Der Einsatz von Chlor im Schwimmbad ist über hundert Jahre alt. Seit 1908 gilt das chemische Element als verlässliches Mittel zur Desinfektion. Die Kehrseite: Reizungen von Haut und Augen, Atemwegsprobleme, eine erhöhte Asthma-Rate bei intensiver Nutzung. In der Fachliteratur werden zudem Zusammenhänge mit Blasenkrebserkrankungen diskutiert. Auch soll es Effekte auf die Entwicklung von Antibiotika-Resistenzen geben.
Naturbäder verzichten vollständig auf Chemie. «Hier erfolgt die Wasseraufbereitung ausschliesslich über biologische Prozesse», sagt Michael Gut, Präsident des Schwimmteichverbands Schweiz und Gründer der Salamander Naturgarten AG. Sein Unternehmen hat 2025 das 300. Naturbad realisiert. Dass in der Schweiz nach wie vor rund 98 Prozent der öffentlichen Bäder konventionell betrieben werden, ist für ihn unverständlich: «Die Technik ist da. Das Wissen auch. Warum auf Chemie setzen?»
Wenig Nährstoffe, viel Kontrolle
Das Funktionsprinzip eines Naturbads ist anspruchsvoller, als es auf den ersten Blick scheint. Das Ziel: Wasser mit möglichst wenigen gelösten Nährstoffen. Alles, was ins Becken gelangt – Laub, Staub, Regenwasser, organisches Material und nicht zuletzt das, was der Mensch selbst hervorruft – bringt Nährstoffe ein. Diese müssen wieder aus dem System entfernt oder biologisch gebunden werden.
Klassische Schwimmteiche erledigen das über grosszügige Pflanzzonen genauso wie natürliche Stillgewässer. Wasserpflanzen entziehen dem Wasser Nährstoffe, was das Algenwachstum begrenzt. Naturpools oder Biopools gehen einen anderen Weg. Sie orientieren sich an natürlichen Fliessgewässern, in denen die Reinigung weitgehend über Biofilme erfolgt. «Das sind mikrobiologische Prozesse, die lange unterschätzt wurden», sagt Gut.
Biofilm ersetzt Pflanzenzone
Der eigentliche Durchbruch kam erst, als man das spezielle Gefüge dieser Biofilme besser verstand. Moderne Natur- und Biopools kommen oft ganz ohne sichtbare Wasserpflanzen aus. Stattdessen wird der Biofilm gezielt in speziellen Filtern aufgebaut. Diese bestehen aus Trägermaterialien wie Kunststoffelementen oder Kies, auf denen sich Mikroorganismen ansiedeln. Das Filtermaterial wird permanent mit sauerstoffreichem Wasser durchströmt. Entscheidend sind dabei zum einen die hydraulische Führung des Wassers, zum anderen die Nährstoffsteuerung. Organische Stoffe werden gezielt in den Filter geleitet, teilweise wird Kohlenstoff – etwa in Form von flüssiger Glucose – dosiert, um den mikrobiellen Abbau zu unterstützen. Das Ziel: stabile Wasserverhältnisse ohne Algenprobleme und frei von chemischen Desinfektionsmitteln.
Zwei Systeme, zwei Haltungen
Ob Schwimmteich, Natur- oder Biopool, das ist weniger eine technische als eine Grundsatzfrage. «Ein Schwimmteich richtet sich an Menschen, die Natur bewusst erleben wollen», sagt Gut. Wer also das «Leben im Wasser» begrüsst, sprich Amphibien, Insekten, Wasserpflanzen und auch Algen, ist mit einem Schwimmteich bestens beraten.
Der Biopool appelliert an ein anderes Bedürfnis. Er bietet eine klare Wasseroptik und kommt ohne Chlor aus. «Moderne Biopools sind optisch von konventionellen Pools kaum zu unterscheiden», sagt Gut. Gleichzeitig entfällt der regelmässige Wasserwechsel. Das Wasser kann im Garten versickern, die Kanalisation wird nicht belastet. Heute seien rund drei Viertel der neu gebauten Naturbäder Biopools, schätzt Gut, etwa ein Viertel Schwimmteiche. Das hat, neben den ästhetischen Vorlieben, auch mit den Grundstücksgrössen zu tun. Schwimmteiche benötigen deutlich mehr Platz als ein Biopool. Bei Letzterem können 3 x 2 Meter – ohne Technik – ausreichen, um an heissen Sommertagen einen erfrischenden Gump in kühles Wasser zu erlauben. Für die Technik muss allerdings weiterer Platz eingeplant werden. Ein Schwimmteich bedarf mehr Raum, damit er funktioniert: Eine Kleinstanlage beziffert sich auf ca. 25m² Wasserfläche.
Algen – Problem oder kein Problem?
Der Ruf, Naturbäder seien schnell «veralgte Tümpel», hält sich hartnäckig. «Das liegt vor allem an den Erfahrungen aus den 1990er- und frühen 2000er-Jahren, als die Filtertechnik und das Knowhow noch nicht ausgereift waren», sagt Gut. Bei modernen Biopools gebe es keine Algenprobleme, zumindest keine gravierenden. So lange eben der Biofilter gut gewartet ist. Beim Schwimmteich präsentiert sich die Situation anders: hier gehört ein gewisses Algenaufkommen dazu. Über 4000 einheimische Algenarten gibt es in der Schweiz. Je nach Milieu treten unterschiedliche Arten auf. Ob Algen als störend empfunden werden: Das sieht Gut als subjektives Anliegen. Viel wichtiger ist eine saubere Bedürfnisabklärung: «Der häufigste Fehler ist, dass das falsche Produkt verkauft wird.»
Der ökologische Aspekt
Der interne Unterhalt von Naturbädern ist aufwendiger, aber dafür entfallen Kosten für Chemikalien, Wasserwechsel und externe Dienstleistungen. Im öffentlichen Bereich zeigen Studien sogar tiefere Betriebskosten. Im Privatgarten bewegen sich gut geplante Naturpools kostenmässig auf dem Niveau konventioneller Chlor-Anlagen.
Hinzu kommt ein Aspekt, der nicht zu unterschätzen ist: Naturbäder, insbesondere Schwimmteiche, schaffen Lebensräume. In der Schweiz gelten 85 Prozent der Feuchtgebiete und 76 Prozent der Gewässerlebensräume als gefährdet – sämtliche Stillgewässer stehen auf der Roten Liste. «Es gibt kaum einen Lebensraum, der stärker unter Druck steht als Gewässer», sagt Gut. Dass dieses Potenzial erkannt wird, zeigt sich auch politisch. Der Grosse Rat des Kantons Aargau hat beschlossen, in den kommenden Jahren 170 Hektar wiederzuvernässen, ein grosser Teil davon im Siedlungsgebiet. Private, naturnahe Schwimmteiche könnten dabei eine doppelte Funktion übernehmen: als Badegewässer und als gezielte Förderung eines seltenen Lebensraums.






