Garten und Terrasse

Vorhang auf für die Pflanze des Jahres

Die Nelke ist eine Pflanze mit uralter Gartentradition. Vielleicht gilt sie deswegen als antiquiert? Von wegen: Heuer wurde sie zur Pflanze des Jahres 2026 gekürt.

von Judith Supper

Journalistin

Gefragt, wer die Königin im Reich der Blumen ist, würden die meisten wohl die Rose nennen. Aber das war nicht immer so. Vom 17. bis weit ins 19. Jahrhundert hinein hatte die Nelke im Beliebtheitsranking die Nase vorn.

Als Gartenpflanze ist sie uralt – schon in der Antike wurden Nelken wegen ihrer anmutigen, duftenden Blüten geschätzt. So beschrieb der griechische Philosoph und Naturforscher Theophrast verschiedene Nelkenarten. Der botanische Name Dianthus leitet sich von «dios» (göttlich) und «anthos» (Blume) ab und bedeutet sinngemäss «göttliche Blume».

Kultureller und symbolischer Wert

Ursprünglich im Mittelmeerraum und in Westasien beheimatet, fand die Nelke früh Eingang in europäische Gärten, unter anderem in jene der Medici. Im 16. Jahrhundert entstanden zahlreiche Züchtungen; im 18. Jahrhundert erreichte die Nelkenkultur in Europa einen ersten Höhepunkt. Die vielen Sorten wurden nach Blütenform und -zeichnung in Gruppen eingeteilt, ergänzt durch differenzierte Farbskalen. Damit wurde die Pflanze zum Objekt grosser Sammlerfreude. Ihre kulturelle Bedeutung zeigt sich auch in der Kunst, etwa bei Leonardo da Vinci oder bei Raffael. Als Symbol des Widerstandes nutzte man sie sowohl in aristokratischen Kreisen – so trugen französische Adlige rote Nelken, wenn sie die Guillotine bestiegen – als auch in der Arbeiterbewegung.

Vielseitig nutzbar, gut zu kombinieren

Doch mit der sich wandelnden Gartengestaltung und veränderten Sortimenten verliert die Nelke im 20. Jahrhundert an Popularität. In Sträussen empfindet man sie als altmodisch und langweilig, auch als Gartenblumen ist sie nur noch eine Gattung unter vielen. Diesen Trend will der Unternehmerverband Gärtner Schweiz, JardinSuisse, stoppen. Deswegen hat er die Nelke zur «Blume des Jahres» gekürt. Das liegt einmal an neuen Züchtungen, die sich durch spezielle Farbgebung auszeichnen, aber auch an der Vielseitigkeit der Gattung. Sie macht als Topfpflanze auf dem Balkon, der Terrasse und der Fensterbank eine ebenso gute Figur wie im Garten ausgepflanzt. Hinzu kommt, dass speziell die einheimischen Arten wichtige Nahrungslieferanten für Insekten sind. Sie sind genügsam, pflegeleicht und robust und lassen sich perfekt mit anderen Pflanzen mit ähnlichen Standortvorlieben, beispielsweise Ziergräsern, Lavendel oder diversen Salvia-Arten, kombinieren.

Die Gattung Dianthus umfasst über 300 Arten und gehört zur Familie der Nelkengewächse. Je nach Art wachsen sie horstig aufrecht oder bilden dichte, flache Polster. Charakteristisch sind die oft schmalen, graugrünen Blätter und die auffälligen Blüten, deren Ränder von glatt bis stark gefranst variieren. Farblich reicht das Spektrum von Weiss über Rosa bis zu kräftigem Purpur; häufig treten mehrfarbige Zeichnungen mit hellen Rändern oder dunklen Zentren auf. Weil sie sehr sonnenhungrig sind und durchlässige, mineralische, nicht zu nährstoffreiche Böden lieben, sind sie am besten im Steingarten, in Balkonkästen oder auf Trockenmauern platziert.

Beliebte Nelken-Arten

Zu den bekanntesten Arten gehört die Karthäuser-Nelke (Dianthus carthusianorum), eine filigrane, aber robuste Wildblume mit leuchtend purpurfarbenen Blüten. Ihre Blütenstände erreichen eine Höhe von 30 bis 60 cm und sind bei Bienen und Schmetterlingen heiss begehrt. Sie bevorzugt sonnige, magere Böden, zum Beispiel auf Dachgärten und Mauerkronen. Ähnlich anspruchslos ist die Heide-Nelke (Dianthus deltoides), die etwas niedriger bleibt und in leuchtendem Pink, Karminrot oder Weiss blüht. Mit ihrem teppichartigen Wuchs ist sie ideal als Bodendecker in naturnahen Gärten. Auch in Balkonkästen macht sie eine gute Figur.

Die Bart-Nelke (Dianthus barbatus) ist vor allem als Schnittblume verbreitet und ist je nach Sorte ein- oder zweijährig. Von ihr gibt es eine riesige Bandbreite an unterschiedlichen Färbungen, die speziell in Cottage-Gärten sehr beliebt sind. Einjährige Bartnelken zieht man aus Samen von Februar bis April im Haus vor, im Mai können sie in den Garten ausgepflanzt werden. Die Samen der zweijährigen Arten werden Ende Mai bis Anfang Juni vorkultiviert. Im Handel sind auch Jungpflanzen erhältlich.

Beim Duft die Nase vorn

Die Pfingstnelken (Dianthus gratianopolitanus) betören durch ihren angenehmen Nelken-Duft. Sie lassen sich gut im Topf oder Blumenkasten auf dem Balkon kultivieren, eignen sich aber auch für vollsonnige Plätze im Beet oder Steingarten. Ein Ass mehr im Ärmel, was den Duft anbelangt, hat die Feder-Nelke (Dianthus plumarius). Sie zählt zu den ältesten Kulturpflanzen Europas. Charakteristisch sind die filigran gefransten Blütenblätter, die mal rosa, weiss oder rot sein können und oft eine dunkle Zeichnung aufweisen. Die Feder-Nelke bildet dichte, immergrüne Polster und eignet sich sowohl als Schnittblume als auch als Bodendecker in Steingärten oder Trockenmauern.

Ebenfalls ins Team gefranster Blütenlook gehören die Pracht-Nelke (Dianthus superbus) in zarten Rosa- bis Violetttönen sowie die Sand-Nelke (Dianthus arenarius). Letztere zeichnet sich im Hochsommer durch weisse, filigrane, stark gefranste Blüten aus, die angenehm duften. Die heimische, wintergrüne Wildstaude bevorzugt durchlässigen, nährstoffarmen Boden, wo sie mit ihren schmalen, graugrünen Blättern lockere Polster bildet.

Die Raue Nelke (Dianthus armeria) ist eine ein- bis zweijährige Wildpflanze mit auffallend pink- bis purpurfarbenen, fein gefleckten Blüten. Sie besiedelt bevorzugt nährstoffarme, sonnige Standorte wie Wiesen, Wegränder oder Magerrasen und erreicht eine Höhe von etwa 20 bis 50 cm. Die Blütezeit liegt zwischen Juni und August; die zahlreichen kleinen Blüten stehen in lockeren Büscheln. Schmale, grasartige Blätter und ein lockerer Wuchs verleihen der Pflanze eine zurückhaltende, filigrane Erscheinung. Aufgrund ihres Rückgangs in vielen Regionen gilt sie als schützenswert und wird gezielt in naturnahen Pflanzungen eingesetzt.

In gut sortierten Gärtnereien und Fachgartencentern kann man sich von der Vielfalt der göttlichen Blume, die in Wirklichkeit doch so bescheiden ist, überzeugen.