Es fühlt sich fast etwas abenteuerlich an, wenn man im Vitra Schaudepot in Weil am Rhein in die bunte Rauminstallation von Verner Panton steigt. Die Rekonstruktion der legendären «Fantasy Landscape» von 1970 ist weit mehr als Lounge, Spielplatz, psychedelisches Kunstwerk oder futuristischer Kokon. Hier fliesst alles ineinander: Boden, Wände, Farben, Licht und Formen. Der Körper versinkt in den weichen Formen, Geräusche wirken gedämpft und die Orientierung wird plötzlich nebensächlich.
Und dann diese Farben: Die kühlen Blautöne im äusseren Bereich gehen im Innern in leuchtendes, helles Rot über, so dass der Raum wie von innen heraus zu glühen scheint. Ein emotionales Erlebnis. Der innovative Designer wollte Räume schaffen, in denen Menschen entspannen, kommunizieren, spielen – und vielleicht sogar ihre gewohnte Wahrnehmung hinterfragen. Auch heute noch wirkt seine Installation nostalgisch und zugleich doch erstaunlich modern.
Das Vitra Schaudepot in Weil am Rhein widmet dem Designer, der Stühle schweben liess und Räume in farbige Landschaften verwandelte, derzeit eine umfassende Ausstellung. Mit gutem Grund: Verner Panton, einer der innovativsten Möbeldesigner des 20. Jahrhunderts, hätte dieses Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert. Die Ausstellung mit dem Titel «Verner Panton. Form, Farbe, Raum» zeigt Möbelklassiker, Leuchten, Textilien, Prototypen, Raumkonzepte und seltene Entwurfsskizzen – und macht sichtbar, wie konsequent Panton seine Vision eines ganzheitlichen Designs verfolgte.
Stühle und Lampen
Die meisten sind bestimmt schon einmal einem seiner Entwürfe begegnet, vielleicht ohne es zu merken. Etwa seinem berühmten Panton Chair. Und viele haben sich beim Anblick des Freischwingers gefragt, wie bequem das Sitzen darauf wohl sein mag. Der Stuhl besitzt keine Hinterbeine und besteht aus einem einzigen Stück Kunststoff. Setzt man sich zum ersten Mal darauf, fühlt es sich beinahe an, als würde man schweben.
Dabei hat Verner Panton nichts dem Zufall überlassen. Jahrelang tüftelte er an der eleganten S-Form, damit sich der Stuhl optimal an den menschlichen Körper anpasst. Mit seinem Entwurf tingelte er quer durch Europa auf der Suche nach einem Produzenten. Viele fanden die Idee faszinierend, investieren wollte jedoch niemand. Erst 1963, als Panton bereits in Basel lebte, stieg Vitra ein. Bis zur Serienproduktion dauerte es allerdings noch bis 1967. Inzwischen steht der Stuhl längst in der Sammlung des Museum of Modern Art in New York – und auch in so manchem Wohnzimmer.
Panton schuf freilich noch weitere Klassiker, wie den Cone Chair mit seiner ikonischen Form. Im Grunde besteht der Entwurf aus dem Jahr 1958 aus einem auf den Kopf gestellten Kegel: eine breite, offene Sitzschale, die sich fächerartig öffnet und auf einem filigranen Metallkreuzfuss ruht. Zurückhaltend ist dieser Sessel keineswegs – vielmehr ein selbstbewusstes Statement.
Viele seiner Entwürfe sind in den Sixties verwurzelt. Obwohl oft streng geometrisch, wirken sie zugleich verspielt und überraschend leicht. So auch die Leuchte Flowerpot, deren harmonische Form bis heute nahezu jedem Interieur schmeichelt. Dabei ist ihre Konstruktion verblüffend einfach: zwei ineinandergreifende Halbkugeln, wobei die innere Schale die Lichtquelle verdeckt. So entsteht ein warmes, weiches Licht. Kein Wunder also, dass die Leuchte bis heute ein Bestseller geblieben ist – nicht zuletzt auch, weil sie immer wieder in neuen Farben aufgelegt wird.
«Total Design»
Der kreative Schaffer entwarf nicht nur Möbel und Leuchten, sondern ganze Welten. Er dachte nicht in Einzelstücken, sondern in Atmosphären. Dabei verband er sein Wissen über Farben und Farbpsychologie mit seinem Ansatz des «Total Design» zu immersiven Gesamterlebnissen. So gestaltete er auch Hotelrestaurants wie das Astoria in Trondheim oder das Varna in Aarhus. Legendär wurde die Kantine des Spiegel-Verlagshauses in Hamburg, die inzwischen im Museum steht. Den Journalistinnen und Journalisten war die psychedelische Einrichtung offenbar etwas zu unruhig.
Farbe wichtiger als Form
Seine Schaffensspur führt auch nach Basel, wo er viele Jahre in Binningen lebte. Seine Muschel-Deckenleuchte aus dem ehemaligen Wohnhaus wurde 2017 als Leihgabe im Restaurant Kunsthalle in Basel installiert. Kein Zufall, schliesslich war das Lokal eines seiner Stammlokale. Weniger glamourös, dafür umso farbiger ist der sogenannte Panton-Gang beim Basler Universitätsspital: eine 120 Meter lange unterirdische Passage. Entsprechend gross war der Aufschrei, als die Farbgestaltung nach einem Umbau verschwinden sollte. Glücklicherweise wurde sie beim wiedereröffneten Zugang von der Hebelstrasse zum Parkhaus rekonstruiert. So leuchtet ein Stück Panton bis heute im Basler Alltag weiter.
«Für mich ist Farbe wichtiger als Form», erklärte Verner Panton einst. Farbe war für ihn kein dekoratives Extra, sondern ein Werkzeug, um Emotionen auszulösen. Entsprechend setzte er auf kräftige Töne und intensive Kontraste. Privat hingegen soll er fast ausschliesslich Blau getragen haben: blaue Hemden, blaue Anzüge, blaue Socken und sogar blaue Schuhe. Vielleicht passte das zu seiner bevorzugten Arbeitszeit – spätabends oder nachts, wenn absolute Ruhe herrschte und seine Ideen zu leuchten begannen.
Der 1926 auf der dänischen Insel Fünen geborene Verner Panton studierte an der Königlichen Kunstakademie in Kopenhagen Architektur und arbeitete anfangs im Büro von Arne Jacobsen. Gemeinsam entwickelten sie den legendären «Ameisen-Stuhl». Doch Panton verliess die traditionellen Pfade des skandinavischen Designs schon bald. Er wollte experimentieren – mit Stahl, Kunststoff und Fiberglas, in denen er die Materialien der Zukunft sah. Damit wurde er zu einem wichtigen Wegbereiter jener Pop- und Space-Age-Ästhetik, die das Design der späten 1960er- und 1970er-Jahre prägte.
Hersteller Teil des Erfolgs
Dass Pantons Entwürfe heute fast populärer sind als zu seinen Lebzeiten, ist auch ein Verdienst von Herstellern wie Louis Poulsen, &Tradition, Montana Furniture und vor allem Vitra. Sie haben seine ikonischen Entwürfe nicht nur bewahrt, sondern behutsam weiterentwickelt und mit neuen Materialien langlebiger gemacht. Zum 100. Geburtstag erscheinen mehrere Reeditionen. So bringt Kettal den Hocker und Stuhl Shogun neu heraus. Vitra wiederum lanciert den «Heart Cone chair» in einer limitierten Duo-Tone Version. Dass Pantons Entwürfe heute wieder so gefragt sind, hat auch mit unserer Gegenwart zu tun: Nach Jahren minimalistischer Zurückhaltung wächst die Sehnsucht nach mehr Individualität, Sinnlichkeit und Farbe im Wohnen.
Wer die Ausstellung im Vitra Schaudepot besucht, stellt fest, wie kompromisslos Verner Panton seine gestalterischen Visionen verfolgte. Seine Entwürfe erinnern daran, dass Design nicht nur funktional sein muss, sondern auch Spass und Freude bereiten darf. Gerade in der heutigen Zeit bereichern sie unser Zuhause mit einer Prise Lebensfreude und Optimismus.
Ausstellungen zu Verner Panton
«Verner Panton. Form, Farbe, Raum», Vitra Schaudepot, Weil am Rhein, bis 9. Mai 2027
«World of Colours, 100 Jahre Verner Panton», Kunstgewerbemuseum am Berliner Kulturforum, März 2027 bis Juli 2027











