Salone del Mobile 2026

Mal wolkenweich, mal kantig

Üppig gepolsterte Sofas, skulpturale Sessel und eine neue Lust auf kräftige Farben: Der Salone del Mobile 2026 zeigte Sitzmöbel zwischen Geborgenheit und klarer Kante.

von Andrea Eschbach

Journalistin, Zürich

Der Salone del Mobile 2026 zeigte im vergangenen April vor allem eines: Sitzmöbel werden noch weicher, grosszügiger und expressiver. Sofas und Sessel wirken wie Rückzugsorte – voluminös, beinahe wolkenartig gepolstert und oft modular aufgebaut.

Farben spielten in Mailand eine zentrale Rolle. Sonnengelb, gebranntes Orange, Kirschrot und Aubergine dominierten die Messehallen und Showrooms. Besonders Gelb entwickelte sich weiter: Statt des bisherigen Buttertons zeigte sich nun ein optimistisches Goldgelb auf Polstern, Sesseln und Sofas. Auch B&B Italia griff den Gelbtrend auf und integrierte die Nuance in der Farbpalette der Neuauflage des Klappsessels «Nena» (5), den der Design-Altmeister Richard Sapper bereits 1984 entworfen hatte. Das leichte Aluminiumgestell verbindet Stabilität und Beweglichkeit, während die gepolsterten Flächen dem Sessel Wärme verleihen. Ein Entwurf, der so radikal modern wie ikonisch ist. Cassina setzte den Farbton bei der Neuauflage des «Peacock Chair» (2) – ein Entwurf von Verner Panton aus dem Jahr 1960 – ein. Die sonnengelbe Kissen betonen das filigrane Metallkorbgestell. Auch Patricia Urquiolas modulares Sofasystem «Ardys» (8) erschien in Gelbtönen sowie in Weiss und Rosarot. Der Entwurf kombiniert grosszügige Polsterformen mit glänzenden Bezügen und tiefen Nähten, die einen markanten grafischen Rhythmus erzeugen.

Sitzen wie auf Wolken

Weiche, fast fluffige Formen bestimmen weiterhin die Sitzlandschaften. Besonders deutlich wird dies beim Sofa «Super Tubby» (6) von Ludovica Serafini und Roberto Palomba für Kartell. Das Modell erinnert an ein riesiges gefaltetes Kissen. Tiefe Sitzflächen, modulare Elemente und ein minimalistischer Aufbau schaffen ein informelles Möbel, das sich flexibel an unterschiedliche Wohnsituationen anpassen lässt. Gemütlich wirkt auch das Sofa «Coulisse» (3) von Claesson Koivisto Rune für Baleri Italia. Das weiche, locker drapierte Sofa mit seinen grosszügigen Polsterelementen erinnert an eine weisse Wolke. Charakteristisch ist der Kordelzug, der die Stoffhüllen zusammenfasst und zugleich das einfache Abnehmen der Bezüge ermöglicht. Das Sofa verbindet spielerische Lässigkeit mit funktionaler Flexibilität und reagiert damit auf die heutigen Anforderungen an wandelbare Wohnräume.

Auch die amerikanische Designerin Kelly Wearstler setzte auf diesen voluminösen Look. Für ihre erste Zusammenarbeit mit der schwedischen Modemarke H&M präsentierte sie unter anderem den «Soluna»-Loungesessel und den «Poma»-Stuhl (9) in einer spektakulären Installation im Palazzo Acerbis. Die übereinandergestapelten Sitzobjekte liessen die Grenze zwischen Möbel und Kunstinstallation verschwimmen und übersetzten Wearstlers luxuriöse Handschrift in Objekte für ein grösseres Publikum.

Material-Ehrlichkeit und neue Kantigkeit

Parallel dazu zeigte sich jedoch eine zweite Richtung: strengere Linien und ein Hauch 1980er-Jahre. Im vielbesuchten Muuto-Apartment im Mailänder Quartier Brera traf das weiche Sofa «Coltre» (10) von Studiopepe auf das kantige Sitzmöbel «Dream View Bench» (11), ein Entwurf aus gebürstetem Stahl der Designerin Lise Vester. Besonders konsequent formulierte die neue Härte der Sessel «Franc» (13) von Antoni Pallejà für RS Barcelona. Kühles Aluminium, klar geschnittene Linien und lediglich ein flaches Lederpolster verleihen dem Entwurf eine präzise, technische Anmutung, die bewusst im Kontrast zur allgegenwärtigen Weichheit steht.

Auch Holz bleibt ein wichtiges Material: Ronan Bouroullec zeigte mit dem Stuhl «Abaco» (12) für B&B Italia, wie elegant sich Holz und cognacfarbenes Leder verbinden lassen. Die Konstruktion bleibt bewusst sichtbar und macht das Gleichgewicht des Möbelstücks nachvollziehbar. In einer Zeit, in der viele Produkte dazu neigen, ihre konstruktive Logik zu verbergen, entscheidet sich Ronan Bouroullec, diese lesbar zu machen. Auch das britische Studio Raw Edges setzt mit dem Sessel «Lobo» (4) für Bolzan auf sichtbare Konstruktion und weiche Volumen. Das geschwungene Holzgestell trifft auf ein einhüllendes Sitzkissen, dessen Bezug sich vollständig abnehmen und austauschen lässt.

Klassiker neu interpretiert

Grosse Aufmerksamkeit erhielten zudem Neuauflagen moderner Klassiker. Prostoria präsentierte mit «Revisiting Richter» eine Kollektion, die Entwürfe des kroatischen Architekten Vjenceslav Richter neu interpretiert. Der Sessel «VR53» (7), ursprünglich für ein Hotel in Umag entworfen, wurde anhand historischer Fotografien rekonstruiert. Sein markantes T-förmiges Holzgestell trifft heute auf weich gepolsterte Armlehnen und einen passenden Ottomanen – eine sensible Übersetzung der Moderne in die Gegenwart.

Auch Hanne Willmann beschäftigte sich mit der Neuinterpretation ikonischer Formen. Ihr Freischwinger «D6» (14) für Tecta basiert auf Marcel Breuers legendärem D40, löst sich jedoch von dessen strenger Geometrie. Weich gerundete Linien und ein opulentes Polster verleihen dem Entwurf eine neue Offenheit und Leichtigkeit. Der Stahlrahmen bleibt sichtbar, wirkt jedoch weniger technisch als vielmehr einladend.

Eine der überraschendsten Präsentationen kam schliesslich von Ikea. Im Rahmen der Inszenierung «Food for Thought» im Spazio Maiocchi stellte das Unternehmen erste Produkte der neuen Ikea-PS-Kollektion vor – darunter einen grünen aufblasbaren Sessel von Designer Mikael Axelsson (1). Ein Metallrahmen umschliesst dabei einen aufblasbaren Ballon, dessen separate Luftkammern Komfort und gleichzeitig einen einfachen Transport ermöglichen. Mit seinem kräftigen Grün, dem spielerischen Charakter und einem Preis von 129 Euro zeigte Ikea, dass gutes Design nicht teuer sein muss.

Der Salone del Mobile 2026 zeigte: Sitzmöbel werden noch weicher, grosszügiger und expressiver.