Der Schweizerische Hauseigentümer: Herr Theiler, viele Unternehmen sprechen heute von Kreislaufwirtschaft. Inwiefern verfolgt V-Zug ein nachhaltiges Wirtschaftsmodell?
Adrian Theiler: Nachhaltigkeit ist einer der wichtigsten Pfeiler unseres Unternehmens. V-Zug hat sich dem Drei-Säulen-Modell verpflichtet, das die wirtschaftliche, die ökologische und die soziale Nachhaltigkeit zum Ziel hat. Alles, was wir als Unternehmen für die Nachhaltigkeit und die Kreislaufwirtschaft tun, muss diese drei Aspekte berücksichtigen und in Einklang bringen. Eine Handlung, die zwar Profit erzeugt, die aber der Umwelt schadet, hat für uns keinen Mehrwert. Genausowenig wie eine Handlung, die postiv für die Umwelt und Gesellschaft ist, die aber wirtschaftlich nicht tragbar wäre.
Um einen Mehrwert in dieser Dreifachbilanz zu erzielen, haben wir bereits viel unternommen – zum Beispiel einen CO2-Fonds eingerichtet. Der Fonds ist ein wichtiger Hebel in der Umwelt-Bilanz: V-Zug penalisiert sich selbst mit 120 Franken pro Tonne CO2, die wir ausstossen. Aus diesem Fonds unterstützen wir Projekte, die zwar ökologisch wertvoll sind, ökonomisch aber noch eine Herausforderung sind.
Und mit der laufenden Standorttransformation und Modernisierung der Produktionsanlagen in Zug und Sulgen (TG) investieren wir sehr viel in unsere «Swissness». Unsere neuen Gebäude am Standort Zug sind an einen Multi-Energy-Hub angeschlossen. Das ist eine hochmoderne Energiezentrale, die erneuerbare Quellen wie Photovoltaik, Grund- und Seewasser sowie Prozessabwärme aus lokalen Betrieben integriert. So können wir das Gebäudeinnere einschliesslich der Produktions- und Montagebereiche mit CO2-freier Fernwärme kühlen und heizen. Beim Bau der Gebäude wurden unter anderem Recyclingbeton und Holz aus der Schweiz eingesetzt. Die Produktion erstreckt sich vertikal über mehrere Etagen, so konnte die Produktionsfläche auf rund die Hälfte der ursprünglichen Grösse reduziert werden. Dadurch werden die Wege kürzer und die Prozesse schlanker.
Und wie setzt V-Zug Kreislaufwirtschaft konkret in der Herstellung von Haushaltsgeräten um?
Marcel Niederberger: Wir sind auf gutem Weg dorthin. In der Schweiz verzeichnen wir dank vorgezogenen Recyclingbeitrags beim Kauf eines Haushaltsgeräts bereits eine fast 100-prozentige Rücknahmequote. Der Recyclingprozess heute ist ein sehr brachialer Akt, bei dem das Gerät als Ganzes geschreddert wird. Daraus wird vor allem der Rohstoff Metall zurückgewonnen. Wir arbeiten nun an der Transformation vom Recycling hin zur systematischen Kreislaufwirtschaft / Demontage. Die verschiedenen Haushaltsgeräte sollen am Ende der Lebensdauer zurückgenommen und in ihre Einzelteile zerlegt werden. Das Zerlegen ist wichtig, weil Rohstoffe möglichst rein sein sollen. Dies ermöglicht eine hochwertige Wiederverwendung und verringert gleichzeitig den ökologischen Fussabdruck erheblich.
Auf dem Weg zu einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft orientiert sich V-Zug insbesondere an fünf sogenannten R-Prinzipien. An erster Stelle steht «Repair», also das Reparieren der Geräte, wann immer möglich. Ein weiteres Prinzip ist das «Re-use», die Wiederverwendung von Bauteilen. Nehmen wir hier als Beispiel das Ausgleichsgewicht einer Waschmaschine, ein Metallstück, das fast keinen Verschleiss aufweist. Wenn eine alte Waschmaschine zu uns zurückkommt, bauen wir das Ausgleichsgewicht aus, um es in einer neuen Waschmaschine wieder einzubauen. Dann ist da das Prinzip des «Re-circle», wonach die verschiedenen Materialien möglichst lange im Kreislauf gehalten werden, indem sie an die jeweiligen Lieferanten zurückgegeben werden. Nehmen wir nochmals das Beispiel der Waschmaschine: Sie kommt zu uns zurück und wird in ihre Einzelteile zerlegt. Hinter jedem Teil steht ein, vorzugsweise lokaler, Lieferant. Dieser nimmt den reinen Rohstoff zurück, als Beispiel den Waschmaschinen-Sockel aus Kunststoff, der zwar abgenutzt ist und in seinem aktuellen Zustand nicht weiterverwendet, aber geschreddert werden kann. Aus dem geschredderten Kunststoff können neue Sockel aus recyceltem Rohstoff hergestellt werden.
Ein weiteres R-Prinzip, das «Re-furbish», sieht hingegen vor, gebrauchte Geräte wieder in einen funktionsfähigen Zustand aufzubereiten und ihnen so ein zweites Leben zu ermöglichen. Das sind Ausstellungsstücke oder Geräte, die von Kunden zurückgegeben werden. V-Zug als Hersteller bereitet diese Geräte für die Weiterverwendung auf. Da wir das selbst machen, können wir den Kunden auch die entsprechende Qualitätsgarantie geben. Das letzte R-Prinzip ist «Re-purpose» – die Zuweisung neuer Funktionen für Materialien, die ihren ursprünglichen Zweck nicht mehr erfüllen. V-Zug stellt zum Beispiel Sitzhocker und Beistelltische aus gebrauchten Wäschetrommeln her.
Adrian Theiler: Die Kreislaufwirtschaft macht uns als Hersteller resilienter gegenüber geopolitischen Entwicklungen. Durch die Wiederverwendung und Aufbereitung von Rohstoffen sind wir weniger auf Rohöl für die Neuproduktion angewiesen. Auch die Kosten sind für V-Zug berechenbar und nicht von Marktschwankungen abhängig.
Marcel Niederberger: Die Schweiz verfügt über wenig Rohstoffe in den Böden, aber über sehr viele Rohstoffe in der verbauten Umwelt – genau diese bereits verwendeten Rohstoffe will eine Kreislaufwirtschaft anzapfen.
Wie wirkt sich die Kreislaufwirtschaft auf die Produktentwicklung und die Materialwahl aus?
Marcel Niederberger: Die Demontierbarkeit von Geräten spielt somit in Zukunft eine entscheidende Rolle – das muss im Produktdesign berücksichtigt werden. Um die zukünftige Generation von Geräten konsequenter auf die Kreislaufwirschaft auszurichten, haben wir in der Entwicklung Richtlinien eingeführt. Da geht es z. B. darum, die Geräte so zu entwickeln, dass sie einfach demontiert oder Materialien aus der alten Generation übernommen werden können, wie zum Beispiel das Ausgleichsgewicht der Waschmaschine.
Adrian Theiler: Damit die rückgebauten Rohstoffe aber recycelt und wiederverwendet werden können von den Lieferanten, müssen wir auf die Qualität achten. Beispielsweise müssen Kunststoffe bestimmte Qualitätsmerkmale aufweisen, damit sie geschreddert und zu Granulat für die Wiederverwendung verarbeitet werden können.
Ein wichtiges Prinzip der Kreislaufwirtschaft ist Reparierbarkeit. Wie wird V-Zug als Hersteller dem gerecht?
Marcel Niederberger: Das Gesetz schreibt seit 2021 vor, dass nach Einstellung der Produktion eines Gerätes Ersatzteile während zehn Jahren vorhanden sein müssen. V-Zug garantiert freiwillig schon lange 15 Jahre. Wir haben die Service-Aufträge der letzten Jahre ausgewertet. Wenn unsere Servicetechniker zu einer Reparatur von einem Gerät aufgeboten werden, das bereits 15 Jahre alt ist, wird es in 80 % der Fälle repariert. Tatsächlich war das älteste Gerät, das wir repariert haben, eine 44 Jahre alte Waschmaschine.
Reparieren oder ersetzen? Wann lohnt sich eine Reparatur aus ökologischer Sicht – und wann ist ein neues Gerät tatsächlich nachhaltiger?
Marcel Niederberger: Die Frage, ab wann ein Gerät nicht mehr repariert sondern besser ersetzt werden sollte, ist je nach Produktkategorie unterschiedlich zu beantworten. Ein Gerät frühzeitig zu ersetzen, ist sinnvoll, wenn das neue Gerät sehr viel energieeffizienter ist oder der Verbrauch von Wasser oder Waschmittel sehr viel geringer ist als beim alten Gerät. Kühlschränke haben in den letzten Jahren sehr grosse Sprünge in der Energieeffizienz gemacht. Modelle, die älter als zehn Jahre sind, könnten daher guten Gewissens aktiv ersetzt werden – sogar dann, wenn das Gerät nicht kaputt ist. Waschmaschinen und Geschirrspüler sind schon sehr weit fortgeschritten in ihrer Energieeffizienz. Deshalb sollen Geräte, die nicht älter als 20 Jahre sind, repariert werden – ein neues Gerät wird minimal energieeffizienter sein als das alte.
Spannend ist auch das sogenannte «Product-as-a-Service»: Kunden nutzen die Geräte, ohne sie zu besitzen. V-Zug bleibt Eigentümerin der Geräte, wartet sie und nimmt sie nach Vertragslaufzeit zurück. So können Produkte, Komponenten oder Teile wiederverwendet oder aufbereitet werden, um Ressourcen und Energie zu sparen. Diese Art der Dienstleistung hat im Mieterland Schweiz grosses Potenzial. Der grosse Vorteil für Vermieter liegt darin, dass sie lediglich eine Miet-Gebühr für eine bestimmte Vertragsdauer zahlen müssen, sich ansonsten aber weder um den Unterhalt noch um die Reparatur der Geräte kümmern müssen.
Digitalisierung spielt auch bei Haushaltsgeräten eine grosse Rolle. Welche Möglichkeiten bieten smarte Software oder vernetzte Geräte, um Ressourcen wie Energie und Wasser zu sparen?
Marcel Niederberger: Grosse Chancen zur Einsparung von Ressourcen im Alltag bieten vernetzte Geräte. Da sehen wir uns als Hersteller auch in der Verantwortung unseren Kunden gegenüber: Wir als Gerätehersteller freuen uns zwar über den Kauf jedes neuen Produktes, müssen dem Kunden aber auch mehr Hilfestellung bieten, damit er oder sie weiss, wie das Gerät die nächsten 15 Jahre möglichst ökologisch genutzt werden kann. Die Technik geht dahin, dass Geräte Nutzungsmuster erkennen und den Nutzer auf Dinge hinweisen, wie z. B. wann wieder eine Reinigung fällig ist, oder gezielt via Mitteilung auf Mobilgeräte nachfragen, ob wirklich immer das Intensiv-Programm beim Geschirrspüler nötig ist. Die individuellen Nutzungsgewohnheiten sind nicht zu unterschätzen, wenn es um die ökologische Nutzung geht. Wir stellen allerdings fest, dass die Nutzer noch zögerlich sind in der Vernetzung ihrer Haushaltsgeräte, weil sie die Vorteile dahinter nicht oder zu wenig sehen.
Zum Abschluss noch eine Frage: Wie viel Elektronik braucht es, um nachhaltig zu bleiben? Sehen Sie da auch einen Trend zu weniger Elektronik?
Marcel Niederberger: Diesbezüglich habe ich eine klare Meinung: Elektronik sollte bedacht und zielgerichtet eingesetzt werden, denn beim ökologischen Fussabdruck ist sie ein grosser Verursacher grauer Energie. Zudem beeinflusst die Elektronik die Lebensdauer der Geräte. Aus Sicht der Nachhaltigkeit fordern wir einen massvollen Einsatz. Wir versuchen, dies auch in der Entwicklung zu beeinflussen. Der Markt geht aber noch in die entgegengesetzte Richtung: Die Hersteller buhlen um Kunden mit immer grösserer Programmauswahl und immer neuen Funktionen. Und das, obwohl sich die Kunden Haushaltsgeräte wünschen, die möglichst einfach zu bedienen sind. Ich bin überzeugt, dass es in diesem Punkt in den nächsten Jahren eine Rückbesinnung zu weniger Elektronik geben wird.
Das Interview führte Tamara Lustenberger, Redaktorin beim HEV Schweiz











