Unterwegs

Die Hitze-Uhr tickt

Die Anpassung der urbanen Räume an den Klimawandel ist mehr als ein Gebot der Stunde. Dabei zeigt sich, dass das Siedlungsgrün für die Schaffung resilienter Lebensräume essenziell ist.

von Felix Käppeli

Fachredaktor Garten, JardinSuisse

Bis vor wenigen Jahren rissen sich die grossen Metropolen die «Star-Architekten» geradezu aus den Händen. Ob London, Paris oder Mailand, jede Grossstadt wollte Norman Foster & Co. und machten deren Gebäude zum Markenzeichen ihres Ortes. Es schien schon fast, als wären sie gleichzeitig überall und ihre Bauwerke schossen wie Pilze aus dem Boden. Doch der Hype legt sich langsam. Inzwischen geht es nicht mehr nur um diese gläsernen und stählernen Wahrzeichen. Vielerorts ist ein Wandel sichtbar, macht sich doch immer mehr Grün zwischen den Häuserzeilen breit. Als würde sich die Natur beharrlich ihren Lebensraum zurückerobern. Nicht, dass man die ehrwürdigen Meister der Baukunst entmachten würde, es wird weiterhin gebaut – die überwiegende Wohnungsknappheit besteht weiterhin. Aber mit dem Klimawandel geht es nicht mehr in erster Linie um sie. Der Mensch sucht vielmehr den Kontakt zum kühlenden Grün.

Wandelndes Stadtbild

Einst mit Autos vollgestopfte, baumlose Verkehrsadern bieten heute dem Fussvolk oder Langsamverkehr genügend Raum zum Flanieren und sich fortzubewegen. Dank einer zeitgemässen Grünflächenversorgung kehrt allmählich lebensfreundliche Energie in die Strassenschluchten zurück.

Gleichzeitig ist die Urbanität wieder mehr gefragt, und eine neue Lust am städtischen Raum lässt sich vielerorts erkennen. Wohnen, Leben und Arbeiten in der Stadt gewinnt an Bedeutung und ein verstärktes «Zurück in die City» verdrängt den Slogan «Raus aufs Land». Dies erhöht den Siedlungsdruck und den Bedarf an innerstädtischen Freiräumen. Insofern gilt es auch, neue Freiraumtypologien zu entwickeln, die nicht nur die Stadtgestalt, sondern auch den Klimawandel und die urbane Lebensqualität mehr berücksichtigen. Viele Städte weltweit haben bereits einen klimaangepassten Sprung nach vorne gemacht.

Mehr Grün und weniger Parkplätze

Verschiedene Auswertungen in deutschen Städten zeigen, dass mit rund 30 bis 40 Prozent Grünanteil die Hitze im urbanen Raum signifikant reduziert werden kann und sich damit die Anzahl Tage mit extremem Hitzestress halbieren.

Solche Studien ermuntern auch die 3-30-300-Regel des niederländischen Forstwissenschaftlers Cecil Konijnendijk. Sein Grundsatz besagt, dass jeder Stadtbewohner von seiner Wohnung aus drei Bäume sehen sollte. Zudem müsse in jedem Stadtviertel der Baumanteil 30 Prozent betragen und bis zur nächsten öffentlichen Grünfläche dürfen höchstens 300 Meter Wegstrecke liegen. Solch fortschrittliche Ideen eines begrünten Stadtbildes gehen oft zulasten des Strassenverkehrs. Was wiederum ein Konfliktpotenzial beinhaltet. Deshalb sollten kontroverse Debatten über die Klimaanpassung nicht nur «von oben» gesteuert werden, sondern mit Einbezug der Bevölkerung. Werden die Stadtbewohner umfassend in die Transformationsprozesse ihrer Umgebung miteinbezogen, können Konflikte oder Proteste eher umgangen oder besänftigt werden. Dann sind die Bürger vielleicht eher bereit, zugunsten des Grüns auf das Auto zu verzichten.

Zürich: Die Klimastadt an der Limmat

Die Stadt Zürich gilt für Schweizer Verhältnisse schon fast als Pionierin für eine klimaresiliente Stadtbegrünung und verfügt über eine umfangreiche Klimaanpassungs-Strategie, in der Hitzeminderung, Schutz vor Starkregenereignissen sowie die Förderung von Stadtgrün und Biodiversität als zentrale Handlungsfelder verankert sind. Das Programm «Stadtgrün» steht dabei zentral in der klimaangepassten Stadtentwicklung und setzt die Vorgaben der Fachplanung Stadtnatur strategisch um und ergänzt sie. Das Programm unterstützt somit Fachplanungsdisziplinen wie Hitzeminderung, Stadtbäume und Stadtnatur durch konkrete Projekte wie ökologische Aufwertungen, Entsiegelungen und Baumpflanzungen. Letzteres – der Baum – hat in Zürich eine hohe Bedeutung. Entsprechend versucht man, den Baumbestand zu erhalten, wo nötig zu schützen, aber auch zu erweitern. Ziel ist es, die bestehende Baumkronenfläche von 15 Prozent (Stand 2022) auf 25 Prozent bis 2050 zu erhöhen.

Netzwerkartig begrüntes Wien

Auch das historisch geprägte Wien mit seinen feudalen Parkanlagen fördert die Begrünung, um die Stadt noch lebenswerter und kühler zu machen. Unter dem Motto «Raus aus dem Asphalt» wurden im gesamten innenstädtischen Bereich Strassen und Plätze unter Einbindung der Bürger verkehrsberuhigt, entsiegelt, begrünt und so «klimafit» gemacht. Dabei wird darauf geachtet, nicht nur einzelne Strassen oder Quartiere anzupassen, sondern den Kühlungseffekt von Wäldern, Gewässern und Parks miteinzubeziehen, damit möglichst grosse Bereiche profitieren. Zusätzlich kommen zahlreiche Wasserelemente wie Nebelstelen, Trinkbrunnen oder umgebaute Hydranten zum Einsatz, die für Abkühlung sorgen. Dies vor allem an Orten, die baulich noch nicht an das wärmer werdende Klima angepasst sind.

Wer heute Wien besucht, erkennt schnell einmal, dass hier die begrünten Strassenräume und Fussgängerzonen mit ihren angelagerten Plätzen eine wichtige Rolle spielen. Inzwischen sind zahlreiche zusätzliche Grünräume entstanden, um sich darin zu Fuss oder mit dem Fahrrad zu bewegen. Hinzu kommt, dass die einzelnen Räume netzwerkartig miteinander verbunden sind. Somit verändert sich das Grün- und Freiraumsystem immer mehr von einem zonalen Prinzip zu einem Netzsystem. Dies ist ein wichtiges Kriterium, da einzelne und isolierte Grünflächen den thermischen Komfort nur geringfügig verbessern. Je üppiger und vernetzter die Stadtvegetation ist, desto höher ist der Kühleffekt.

Die grünen Strahlen Mailands

Mailand verwandelte sich von einem stinkenden Grossstadtmoloch in eine begrünte Metropole. Die hektische Atmosphäre von früher ist weg, und die lombardische Hauptstadt ist heute von einer gewissen Leichtigkeit geprägt. Wo zuvor auf mehrspurigen Strassen die Autos vorbei sausten, sitzen heute Bewohner und Touristen gleichermassen in begrünten Aufenthaltsbereichen. Einst mit Autos und Rollern vollgestopfte Verkehrsadern bieten heute den Menschen genügend Raum zum Flanieren oder zum in die Pedalen zu treten.

Seit der Landschaftsarchitekt Andreas Kipar vor rund 40 Jahren als Planer in die Stadt kam, trägt er dazu bei, die einst autoverliebte Designmetropole mittels zusätzlicher Grünflächen attraktiver zu machen. «Sein» Masterplan sieht vor, das bestehende Grün Mailands zu vernetzen und weiterzuentwickeln, um die Stadt mit einem Netz aus Fuss- und Radwegen zu durchziehen. Dessen Verlauf orientiert sich an acht «grünen Strahlen», die sogenannten «Raggi Verdi», die vom historischen Stadtkern radial in alle Himmelsrichtungen der umliegenden Vorstadtbezirke reichen. Die acht Strahlen führen wie grüne Adern vom Stadtzentrum ins Umland, wobei jeder Strahl einem Stadtteil zugeordnet ist und die langsame Mobilität fördern soll. Die «grünen Strahlen» brechen die alte Stadtstruktur auf und bilden ein Gerüst grün-blauer Infrastrukturen.