Garten und Terrasse

Ein Rückzugsort zwischen Horizont und Blätterdach

Dieser neu konzipierte Dachgarten spielt mit Gegensätzen wie Intimität auf der einen und grandioser Aussicht auf der anderen Seite. Beides konnte in die neue Gestaltung eingebunden werden.

von Felix Käppeli

Fachredaktor Garten, JardinSuisse

Die Planung von Dachgärten zählt zu den anspruchsvollsten Aufgaben der Gartengestaltung. Sie erfordert fundiertes Fachwissen und praktische Erfahrung, insbesondere im Zusammenspiel von Wasserhaushalt, Substrat, Mikroklima, Standortbedingungen, Pflanzenverwendung und Statik. Gleichzeitig ist sie eine interdisziplinäre Aufgabe: Nur durch die enge Zusammenarbeit von Fachleuten aus Bereichen wie Bauphysik, Tragwerksplanung, Dachabdichtung, Substratmanagement und Pflanzplanung lassen sich nachhaltige und funktionale Dachgartenlösungen realisieren.

Zudem ist bei den Ausführungsarbeiten auf einem Dach eine präzise Koordination von Arbeitsabläufen und Materiallogistik essenziell. Aufgrund der begrenzten Arbeits- und Lagerfllächen müssen die einzelnen Gewerke sorgfältig geplant und zeitlich aufeinander abgestimmt werden. Ein de-taillierter Ablaufplan entlang der Terminvorgaben ist unerlässlich, um Nutzungskonflikte auf dem Dach und im Gebäudeumfeld zu vermeiden.

Struktur, Mikroklima und Erlebnisräume

Bei diesem Dachgartenprojekt kam hinzu, dass sich die Bauherrschaft eine gartenähnliche Dachlandschaft wünschte und somit ein intensiv begrüntes Dach. Diese Bepflanzungsvariante verfügt im Gegensatz zu einer extensiven Begrünung über einen höheren Substrataufbau, was eine vielfältigere Bepflanzung mit grösserer Pflanzenmasse ermöglicht. Mit Substratschichten von 10 bis 50 Zentimetern entstehen Begrünungen, die einem natürlichen Gartenbild ähneln.

Mehr Grün und Struktur bildeten die Essenz dieses Gestaltungskonzepts, wie Landschaftsarchitekt Jan Schelling von der LSLA GmbH zusammenfasst. Die Pflanzen sollen das Mikroklima verbessern, Schatten spenden und vielfältige Gartenräume schaffen. Dabei wurden die statischen Gegebenheiten des Gebäudes stets berücksichtigt – denn letztlich bestimmt die Tragfähigkeit des Dachs den gestalterischen Spielraum.

Das bestehende Dachterrassen-Layout beinhaltet einen schmalen, länglichen Teil und einen breiteren, rechteckigen Bereich. Der neue Dachgartenentwurf verbindet die unterschiedlichen Proportionen des bestehenden Grundrisses zu einem stimmigen, lebendigen Ganzen. Ein geschwungener Weg durchzieht den grünen Korridor, verknüpft die einzelnen Pflanzflächen miteinander und schafft dabei abwechslungsreiche Raumerlebnisse. Er führt bis zu jenem Bereich, an dem sich die Terrasse öffnet und zu einem einladenden Ort des Verweilens und der Aussicht wird. So gewinnt der schmale Abschnitt an Weite und Abwechslung, während der breitere Bereich eine angenehm behagliche Raumatmosphäre erhält.

Dachgarten mit Weitblick und natürlicher Geborgenheit

Ein etwas erhöhter Sitzplatz bietet in diesem geräumigen und wohnbaren Bereich einen fantastischen Panoramablick bis weit über den Zürichsee hinaus, der immer wieder aufs Neue begeistert. Die alltägliche Faszination einer spektakulären Aussicht sowie das Schauspiel unnachahmlicher Licht- und Wetterstimmungen inmitten einer üppigen Begrünung machen diesen Ort noch aussergewöhnlicher.

Mit dem Einbezug von Höhenabstufungen wurden in dieser Gestaltungsidee unterschiedliche Ebenen geschaffen, was die räumliche Tiefenwirkung verstärkt, feine Strukturen schafft und unterschiedliche Nutzungsbereiche ermöglicht. Solche Podeste erzeugen eine zusätzliche Dynamik, fördern die Raumbildung und ermöglichen, die Aussicht gezielt zu nutzen oder einen wohnlich geborgenen Rahmen zu schaffen.

Ein überdachter Essbereich in Küchennähe schützt zusätzlich vor Regen oder starker Sonneneinstrahlung und sorgt dafür, dass die Terrasse bei fast jeder Witterung genutzt werden kann.

Hitzeschutz dank Grün und Holz

Ergänzt wird diese Dachgartenszenerie mit einer schattigen, beinahe schon waldartig begrünten Gartennische, die zu einem natürlichen Rückzugsort an heissen Tagen wird. Durch die Höhendifferenz wirkt dieser Terrassenbereich mit seiner hölzernen Sitzbank wie ein lauschiger Senkgarten. Das tiefergelegte Niveau vermittelt ein Gefühl von Geborgenheit und Intimität, da das umgebende Grün wie eine schützende Kulisse wirkt. Dort geniesst man entspannte Augenblicke im kühlenden Grün.

Nicht zuletzt leistet auch der Bodenbelag in Form von Holzdielen seinen Beitrag zum sommerlichen Hitzeschutz. Aufgrund ihrer geringen Wärmeleitfähigkeit und ihrer vergleichsweise hohen spezifischen Wärmekapazität erwärmt sich die Holzoberfläche oft langsamer und fühlt sich für die Dachgartenbewohner angenehmer an als Beton- oder Steinbeläge.

Pflanzliche Raumgestaltung auf der Dachterrasse

Pflanzflächen, die direkt in den Boden integriert und auf dem weitläufigen Holzdeck reichlich verteilt sind, unterstützen das Raumgefühl und sorgen für ein strukturreiches und natürliches Gartenbild. Abgerundet wird die bo-dennahe Begrünung mit erlesenen Pflanzgefässen aus Ton, die mit ihrer natürlichen Eleganz und ihrer unverwechselbaren Patina gleichzeitig zum punktuellen Blickfang werden. Die darin gepflanzten mehrstämmigen Solitärgehölze in Form von Kupferfelsenbirnen und eines Fächerahorns fördern die Räumlichkeit, spenden Schatten und gliedern die Flächen zusätzlich in verschiedene Nutzungszonen. In den grosszügigen Gefässen fühlen sich die schirmförmigen Gehölze besonders wohl und zeigen sich genügend robust gegenüber Hitze, Trockenheit und Wind. Eine wichtige Voraussetzung für Extremstandorte wie Dachterrassen. Denn dort sind die klimatischen Bedingungen für Pflanzen besonders anspruchsvoll.

Auch die restlichen Pflanzflächen wurden mit Gräser- und Staudenarten belebt, die solch exponierten Bedingungen ebenfalls standhalten. Im Rahmen dieser Dachbegrünung kamen Substrataufbauten mit einer Aufbauhöhe von 10 bis 40 cm zum Einsatz.

Üppige Stauden und Gräser

Der Blauschwingel setzt mit seinen blaugrünen «Halmen» einen prägnanten Kontrast zu den warmen Farbtönen von Gefässen und Holzdeck. Elfenblume und Frauenmantel strukturieren die bodennahen Bereiche mit ihrem dekorativen Blattwerk. Das Reitgras ‘Karl Foerster’ betont die aufrechte Wirkung und knüpft gestalterisch an den nahe gelegenen Schilfgürtel am See. Blühakzente setzen Stauden wie Blutweiderich und Fetthenne mit langer Blühdauer. Eingestreute Beerensträucher ergänzen die Bepflanzung um eine sinnliche und essbare Komponente.

Entstanden ist eine üppige Stauden- und Gräser-Fröhlichkeit, die mit ihren vielfältigen Form- und Farbnuancen ein lebendiges Dachgartenbild kreiert, das mit den Gehölzen zusammen zusätzlich eine Sichtschutzfunktion gewährt.

Heute entspricht diese strukturreiche Dachgartenlandschaft mit ihrem natürlichen Ambiente einem behaglichen, begrünten Rückzugsort unter freiem Himmel. Gezielte Blickbezüge wurden geschaffen, während zugleich ein geschützter Rückzug hinter üppiger, schattenspendender Bepflanzung möglich ist.