Unterwegs

Genève: Auf zur wenig bekannten Perle im eigenen Land!

Genf ist für viele Deutschschweizer noch immer eine grosse Unbekannte. Die zweitgrösste Schweizer Stadt sorgt für Überraschungen und Rekorde und drängt sich für eine Städtereise auf.

von Reto E. Wild

Journalist BR und Tourismusexperte

2 Stunden 51 Minuten: So kurz ist inzwischen die Bahnfahrt von Zürich bis nach Genève-Cornavin, dem Hauptbahnhof von Genf. Und nur acht Minuten beträgt der Fussmarsch von dort bis zum Quai du Mont-Blanc direkt am Lac Léman. Die noble Adresse stellt zusammen mit dem Quai Wilson, der die Fortsetzung bildet, die besten Luxushotels von Genf: The Woodward (eines der schönsten Schweizer Stadthotels mit nur 26 Suiten, zwei Sternerestaurants und einem grossen Hallenbad), das traditionsreiche Beau Rivage, das moderne Ritz-Carlton, das elegante Four Seasons des Bergues und das internationale Mandarin Oriental. Eine solche Dichte von Fünfsternehotels innerhalb eines 15-minütigen Spaziergangs ist weltweit unerreicht.

Die erwähnte Promenade entlang des Genfersees ist eine Zeitreise bis in die Gegenwart: Bain des Pâquis beim Woodward ist eine öffentliche Badi, die 1872 als einfache Holzkonstruktion auf Stelzen entstand, 1932 durch das heutige Betonbauwerk im funktionalistischen Stil ersetzt wurde und seither bei den Genfern ein beliebter Treffpunkt mit Strand-, Kultur-, Sport- und Wellnessangeboten ist. Von hier aus lässt sich der Jet d"eau, das Wahrzeichen von Genf, besonders gut bewundern: Die 140 Meter hohe Wasserfontäne schiesst jede Sekunde 500 Liter Wasser bei einer Geschwindigkeit von 200 Kilometern in die Höhe.

Wo Sisi ihre letzte Nacht verbrachte

Im luxuriösen Hotelpalast Woodward befindet sich im Untergeschoss mit dem L"Atelier Robuchon eines der besten Restaurants der Calvin-Stadt, wofür der baumlange Franzose Olivier Jean verantwortlich zeichnet und mit zwei Michelin-Sternen geadelt wurde. Im Gourmetrestaurant sitzen die Gäste an der Theke und haben einen interessanten Blick in die offene Küche. Legendär ist der Kartoffelstock, der im Verhältnis 2:1 (Butter zu Kartoffeln!) zubereitet wird und der Gang «Imperial Caviar» nach dem Originalrezept des Sternekochs und Unternehmers Joël Robuchon, der 2018 in Genf verstarb. Im ersten Stock des Woodward gibt es zudem das Le Jardinier – ein lichtdurchflutetes und raffiniertes Restaurant mit hohen Decken und grossen Fensterfronten zum Genfersee hinaus. Le Jardinier steht für eine französisch-zeitgemässe, feine und pflanzlich geprägte Marktküche mit klassischen Grundlagen.

Das Beau Rivage wiederum ist eng mit Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn verbunden. «Sisi» hat dort am 9. September 1898 ihre letzte Nacht verbracht, bevor sie am nächsten Tag vom italienischen Anarchisten und Hilfsarbeiter Luigi Lucheni am Quai du Mont-Blanc niedergestochen wurde. Eine unscheinbare Plakette am Geländer entlang des Genfersees erinnert an dieses Attentat.

Die Spaziergänger und Jogger rund um das Seebecken sind sich dieses historischen Ortes kaum bewusst. Tatsache ist, dass die Route von Bain des Pâquis über die Mont-Blanc-Brücke, zum Parc des Eaux-Vives mit der Villa La Grange, einem historischen Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert, und bis zum Quai de Cologny sehr attraktiv ist. Im Herrenhaus trafen sich 2021 der damalige US-Präsident Biden und Russlands Präsident Putin. Vor dem Quai de Cologny breitet sich ein Strand aus. Das französische Städtchen und Wellness-Resort Evian-les-Bains – ja, das Evian mit dem Mineralwasser – ist von hier aus 50 Autominuten entfernt.

Das «Greenwich Village» von Genf

Doch wo zirkulieren die Einheimischen im so internationalen Genf, das einen Ausländeranteil von gut 40 Prozent aufweist? Wer das nötige Kleingeld hat, geniesst Carouge, durch seine Künstler- und Bohèmeszene als «Greenwich Village» bekannt. Die Gemeinde wurde im 18. Jahrhundert als Planstadt vom Königreich Sardinien gegründet und entwickelte sich zu einem wichtigen Zentrum für Katholiken – im reformierten Genf. Heute sind hier die Mietpreise besonders hoch. Carouge ist voll von Boutiquen (etwa das Schokoladengeschäft von Philippe Pascoët oder die Pâtisserie Renou, Tramstation Carouge / Armes aussteigen), Restaurants und Cafés. Der Marchés de Carouge findet jeweils am Mittwoch- und Samstagmorgen statt. Kleine Geschäfte, Gemüsebauern, Handwerker und Künstler sorgen am Place du Marché für einen abwechslungsreichen Einkaufsbummel und zeigen, dass der Kanton Genf eben auch ein wichtiger Gemüseproduzent ist, wachsen doch auf einer Fläche von rund 300 Hektaren pflanzliche Erzeugnisse. Die Brasserie La Bourse am Marktplatz 7 ist inzwischen eine Institution.

Wer in Genf modern und preiswert übernachten möchte, wählt statt den eingangs erwähnten Luxushotels das Ibis Styles Carouge oder die 350 Meter entfernte Auberge Communal de Carouge mit Zimmern ab 110 Franken inklusive Frühstück. Hier zeigt sich der dörfliche Charakter von Carouge; die Weltstadt Genf scheint weit entfernt.

Genf und sein Grand"Cour

Kaum zehn Kilometer vom Hauptsitz der UNO und der WTO breiten sich zudem an idyllischen Lagen die Rebberge aus; Genf ist der drittwichtigste Schweizer Weinkanton und sorgt für rund zehn Prozent der Schweizer Gesamtanbaufläche. Die unterschätzte Weinbauregion mit einer Rebfläche von 1407 Hektaren stellt mit Satigny die grösste Weinbaugemeinde der Schweiz. Hier wohnt der Genfer Jean-Pierre Pellegrin, der Uhrmacher unter den Schweizer Winzern. Sein Vater lieferte die Trauben der Domaine Grand"Cour noch an die Genossenschaft. Jean-Pierre entschloss sich 1994, selbstständig zu werden. Sein roter Grand"Cour aus 70 Prozent Cabernet Franc und 30 Prozent Cabernet Sauvignon gehört zu den finessenreichsten Schweizer Assemblagen auf Bordeaux-Basis. Genussmenschen, die Pellegrins Weingut besuchen möchten, sollten ihre Visite ankündigen.

Genf ist schliesslich Synonym für die grösste historische Altstadt der Schweiz. Sie wird überragt von der Kathedrale Saint-Pierre, einer Hochburg der Reformation. Die engen Strassen mit Kopfsteinpflaster erzählen ihre Geschichte durch kleine Plätze, historische Gebäude, sagenumwobene Museen und berühmte Geheimgänge im mittelalterlichen Erbe der Genfer. Im Schatten der Kirche befindet sich das Restaurant Les Armures mit seinen stadtbekannten Genfer und Schweizer Spezialitäten wie Filets de perches, Raclette oder Fondue. Nirgendwo wie in diesem traditionsreichen Lokal zeigt sich die République Genève so helvetisch. Ganze zwei Gehminuten vom Les Armures entfernt, am Ende der Grand"Rue und am Fuss des Rathauses, befindet sich mit der Treille-Bank die längste Holzbank der Welt: 120 Meter! Jedes Jahr verkündet die Genfer Regierung am alten Kastanienbaum von Treille nach dem Spriessen des ersten Blatts den Frühlingsbeginn.

Chocolatier oder Uhrmacher

Genf steht wie die Schweiz für Schokolade und Uhren. La Maison Du Rhône an der Rue de Carouge 71 ist besonders stolz auf seine handwerklichen Schoggi-Produktionsmethoden, die traditionelle Techniken, Know-how und hochwertige Zutaten miteinander verbinden.

 

Im Gourmet-Workshop werden die Teilnehmenden zum Meister-Chocolatier und entdecken die Welt der Schokolade. Die Novizen können ihr künstlerisches Talent beim Dekorieren und Herstellen von Pralinen zeigen.

 

Kurse ab 60 Franken. Montag bis Samstag um 15 Uhr in Französisch oder Englisch, Anmeldung via E-Mail info@du-rhone.ch oder Tel. 022 311 56 14.

 

Viel Fingerspitzengefühl braucht es auch, wenn man in die Rolle eines Meister-Uhrmachers schlüpft.

 

Initium bietet Kurse von Montag bis Freitag, von 8.30 bis 12 Uhr oder von 13.30 bis 17.30 Uhr an, auf Französisch oder Deutsch. Uhrmacherkurse gibt es ab 350 Franken.

 

Anmeldung über geneva@initium.swiss oder Tel. 022 810 85 13.

 

Allgemeine Informationen zu Genf.