Das Hochwasser vom August 2005 hat eindrücklich gezeigt, dass selbst harmlose Bäche unter bestimmten Umständen zu einem reissenden Gewässer werden können. Es tötete sechs Menschen und verursachte Sachschäden in Höhe von drei Milliarden Franken. Drei Viertel der Schäden entfielen auf den privaten Bereich. Rund 900 Gemeinden waren betroffen, Engelberg und Lauterbrunnen tagelang abgeschnitten. Besagtes Hochwasser entsprang intensiven, langanhaltenden Regenfällen am Alpennordhang. Und solche werden im Zuge des Klimawandels immer häufiger.
Schon wenige Zentimeter Wasser können fatal sein
Wenn es dann zum Hochwasser komme, unterschätze man gern die Auswirkungen schon weniger Zentimeter Wasser, so Jan Kleinn. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Gruppe Risiko und Resilienz am WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos. Die wenigen Zentimeter genügen, um Keller und Tiefgaragen zu fluten, wenn es keine baulichen Massnahmen gibt, die dies verhindern. Wasser und Schwemmgut entwickeln dabei enorme Kräfte, die beachtliche Schäden anrichten. Selbst wenn Gebäude nicht in ihrer Substanz beschädigt werden, hinterlassen Feuchte und Schmutz teure Schäden an Innenausbau und Haustechnik. Längst sind auch Siedlungen betroffen, die in vergangenen Jahrhunderten keine Überschwemmungen kannten.
«Am SLF machen wir dazu Gefährdungs- und Risikomodellierung, ähnlich wie es auch die Versicherungsbranche tut, um ihre Tarife je nach Risikozone anzupassen», erklärt Jan Kleinn.
Es gibt in der Forschung und bei Bund und Kantonen zahlreiche Fachleute, die ständig damit beschäftigt sind, aktuelle, detaillierte Daten zu Überschwemmungsrisiken zu erheben und Massnahmen abzuleiten. Auf dieser Basis wird immer wieder baulich nachgebessert, um Risiken zu verringern. «Auf Null bekommt man es nicht», schränkt Kleinn ein.
Die Projekte werden nach der Art der betroffenen Objekte und der Zahl der betroffenen Menschen priorisiert. Das dicht besiedelte Zürich schrammte beispielsweise 2005 nur knapp an einer Katastrophe vorbei. Wäre der Pegel des Sihlsees damals noch weitere vier Zentimeter angestiegen, wäre Zürich geflutet worden. Nach Risikoanalysen wurde schliesslich der Entlastungsstollen gebaut, der die Stadt vor einem ähnlichen Szenario schützen soll. Kostenschätzung: 180 Millionen Franken. Ein Klacks gegen die erwartbaren Sachschäden im Flutfall, die auf 6,7 Milliarden geschätzt werden. Und das ohne die Kosten für Geschäftsunterbrüche, die den Betrag nach Kleinns Schätzungen verfünf- bis verzehnfachen würden. Auch Personenschäden sind darin nicht eingerechnet.
Rhonekorrektion
Im Moment ist das schweizweit grösste geplante Projekt die Rhonekorrektion im Wallis und in der Waadt. Es betrifft 162 Kilometer Flusslauf und 100 000 Menschen und würde mögliche Hochwasserschäden im Umfang von zehn Milliarden Franken vermeiden. Es ist ein Generationenprojekt, das mehrere Jahrzehnte Bauzeit benötigt.
Ein Drittel der Gebäude in der Schweiz könnte den Berechnungen zufolge von Überschwemmungen durch Oberflächenabfluss betroffen sein. In Gebieten mit hoher Hochwassergefahr sind Neubauten in roten Zonen meist verboten. «Die kantonale Gebäudeversicherung unterstützt gefahrengerechtes Bauen: Keine ebenerdigen Öffnungen, Lichtschächte müssen erhöht ausgeführt werden, der Garten so gestaltet werden, dass das Wasser nicht direkt ins Haus fliessen kann», erläutert Kleinn. Das alles hilft wenig, wenn der Mensch sich nicht gefahrenangepasst verhält. «Es gibt immer wieder vermeidbare Todesfälle, weil Leute etwas aus dem Keller retten oder ihr Auto aus der Tiefgarage holen wollen. Sie unterschätzen vollkommen, mit welcher Macht das Wasser diese Räume füllen kann.» Mobile Elemente, die im Überschwemmungsfall erst aktiviert werden müssen, um das Wasser abzuhalten, hält er für wenig sinnvoll. Solche, die sich automatisch aktivieren, nimmt er ausdrücklich von dieser Kritik aus. «Wenn es hart auf hart kommt, scheitert der Einsatz manuell aktivierbarer Elemente an Banalem: Wer hat den Schlüssel dazu? Und weiss der Hausmeister, der in zehn Jahren Dienst haben wird, im Notfall, wie er die Systeme aktivieren kann?», führt er aus.
Solche mobilen Elemente bauen zudem darauf, dass es ausreichend Vorwarnzeit gibt, sie zu aktivieren. Das ist nur selten der Fall. Kleinere Gewässer und insbesondere Wildbäche treten sehr schnell über die Ufer. Auch bei den meisten Talflüssen beträgt die Vorwarnzeit bestenfalls einige Stunden. Nur bei einigen grossen Flüssen und Seen ist eine technisch-organisatorische Vorwarnung der Betroffenen möglich und eingerichtet. Permanent installierte baulich-konzeptionelle Massnahmen böten den zuverlässigsten und wirksamsten Schutz und seien deshalb meist die beste Option.
Naturgefahren schon bei Entwurf einbeziehen
Für Kleinn wäre es zwingend, Naturgefahren im Hochbau schon von Anfang an, bei Entwurf und Planung, einzubeziehen.«Das Problem ist, dass sich viele Architekten als Künstler sehen. Um den technischen ‹Rest› soll sich der Ingenieur kümmern.»
Naturgefahrengerechtes Bauen fängt beim Entwurf an. Dort sässe der grundlegende und beste Hebel, statt später aufwendig nachzurüsten. «Sinnvoll wäre es in jedem Fall, im Planungsprozess bereits zu besprechen, wer welche Risiken habe, welche davon akzeptierbar wären, welche Massnahmen möglich sind», stellt Kleinn klar. «Man kann zum Beispiel von Anfang an die Liftsteuerung auf das Dach statt in den flutgefährdeten Keller stellen. Oder darüber nachdenken, ob es überhaupt einen Keller braucht.» In manchen Gebieten baue man explizit keine Keller. Dort wäre es auch sinnvoll, das Erdgeschoss eher als Raum für Lagermöglichkeiten zu betrachten und alles Wichtige von Anfang an im ersten Stock unterzubringen. «Der physische Schaden ist das eine. Aber der immer wiederkehrende Aufwand, die Möbel zu ersetzen, die persönlichen Unterlagen wiederzubeschaffen – das kann zermürben.»
Öltank sichern
Auch zu anderen Massnahmen rät Jan Kleinn explizit. Man sollte unbedingt den Öltank so sichern, dass er nicht aufschwimmt. Ist er nicht mit Stahlriemen befestigt, wird er immer leichter als das Wasser sein und aufschwimmen. Und wer längst über eine Wärmepumpe nachdenkt, sollte ebenfalls überlegen, ob die Steuerung dafür unbedingt im Keller untergebracht werden müsse.
«Wir müssen den Klimawandel immer mitberücksichtigen. Er wird sich verstärken und wird auch bei den Behörden stärker zum Thema werden. Aber es ist noch nicht klar, was er konkret bedeutet. Wir legen heute Gebäude auf fünfzig Jahre Lebensdauer aus, Infrastruktur auf achtzig», erklärt Kleinn. Hochwasser werde tendenziell zunehmen, Lawinen würden vermutlich weniger. Die Werte, die in Jahrzehnten gelten könnten, kann man modellieren, aber es spielen sehr viele Faktoren zusammen. So bleiben zahlreiche Unsicherheiten. Es bleibe abzuwägen, so Kleinn: «Sind wir gewillt, gewisse Risiken einzugehen, da sie in einigen Jahrzehnten nicht mehr vorhanden sind? Das wäre eine Diskussion, die man ebenfalls führen müsste.»









