Künstliche Intelligenz

KI im Eigenheim: Was wirklich hilft – und was (noch) nicht

Sophie Hundertmark forscht und berät seit Jahren zum Thema künstliche Intelligenz. Sie ist selbst Eigentümerin und weiss, bei welchen Fragestellungen rund um das Eigenheim KI helfen kann.

von Dr. Sophie Hundertmark

KI-Forscherin, Beraterin und Autorin

Die Offerte für die neue Heizung, das Protokoll der letzten Versammlung, die Frage, ob sich eine Sanierung lohnt – diese Themen kenne ich nicht nur aus der Praxis als KI-Beraterin, sondern auch aus eigener Erfahrung.

Deshalb beginne ich nicht mit dem spektakulärsten Anwendungsfall der KI, sondern mit dem nützlichsten. Und der ist erstaunlich unspektakulär.

Ich gehe vom Einfachen zum Schwierigen: Von dem, was Sie heute ohne einen Franken Investition ausprobieren können, bis hin zu den grösseren Projekten rund um Energie und Haustechnik, die Planung, Geld und Geduld erfordern.

Stufe 1: Der Papierkram – hier fängt es an

Der Unterhalt eines Eigenheims ist mit einer erstaunlichen Menge an Texten verknüpft: Offerten, Verträge, Reglemente, Baubeschriebe, Korrespondenz mit Handwerkern und Versicherungen. Genau hier spielen KI-Sprachmodelle wie ChatGPT, Claude oder Swiss-GPT ihre Stärken aus. Um diese Stärken zu nutzen, brauchen Sie kein neues Gerät und keinen Handwerker – nur einen Browser.

Offerten verstehen und vergleichen: Wer drei Offerten für eine Wärmepumpe erhält, kann diese in ein KI-Tool eingeben und sich die Unterschiede in verständlicher Sprache erklären lassen. Was ist in Offerte A enthalten, was fehlt in Offerte B? Welche Positionen sind pauschal, welche nach Aufwand berechnet? Das ersetzt kein Fachurteil, macht aber die Struktur hinter einer Offerte verständlicher.

Anfragen und Mängelrügen formulieren: Eine sachliche und klare Mängelrüge zu schreiben, kostet Zeit und manchmal auch Überwindung. Ein Sprachmodell liefert in Sekunden einen nüchternen Entwurf, den Sie anpassen können. Gerade wenn man verärgert ist, hilft die KI, einen neutralen Text zu verfassen.

Dokumente zusammenfassen und hinterfragen: Ein vierzigseitiges Reglement, ein Versicherungsvertrag, ein Bericht des Gebäudeenergieausweises – Sprachmodelle destillieren daraus die wesentlichen Punkte und beantworten gezielte Fragen dazu. Der grosse Vorteil: Man kann so lange nachhaken, bis man es verstanden hat, ohne sich zu genieren. Aufwand: null. Kosten: null bis rund zwanzig Franken im Monat. Wirkung: sofort spürbar. Wenn Sie nur eine Sache aus diesem Artikel mitnehmen, dann diese.

Stufe 2: STWE – KI als Entlastung in der Gemeinschaft

In der Stockwerkeigentümergemeinschaft ist der administrative Aufwand oft der grösste Reibungspunkt. Wer schon einmal das Protokoll einer hitzigen Versammlung geschrieben hat, weiss, wovon ich spreche.

Moderne Transkriptionswerkzeuge schreiben eine Sitzung mit und erstellen daraus einen strukturierten Protokollentwurf mit Beschlüssen und Pendenzen. Die verantwortliche Person korrigiert und ergänzt – aber die Rohfassung steht in Minuten statt in Stunden. Wichtig dabei: Alle Anwesenden müssen über die Aufzeichnung informiert werden und zustimmen. Das ist nicht nur höflich, sondern datenschutzrechtlich zwingend.

Auch Traktandenlisten, Einladungen und die Kommunikation rund um Sanierungsprojekte lassen sich mit KI-Unterstützung schneller und verständlicher aufsetzen. Gerade bei emotional aufgeladenen Themen hilft es, wenn ein neutraler Entwurf auf dem Tisch liegt, an dem alle gemeinsam feilen können.

Hier braucht es etwas mehr Vorbereitung: Absprache in der Gemeinschaft, ein Werkzeug, auf das man sich einigt, und klare Regeln zum Datenschutz. Aber der Aufwand bleibt überschaubar.

Stufe 3: Grenzen kennen, bevor es teuer wird

Bevor wir zur Haustechnik kommen, legen wir einen Zwischenhalt ein. Denn so nützlich die KI-Werkzeuge sind: Sie haben Grenzen, die man kennen muss.

Sprachmodelle erfinden Inhalte: Fachleute sprechen von Halluzinationen. Ein Modell kann einen Gesetzesartikel zitieren, den es nicht gibt, oder eine Frist nennen, die falsch ist. Bei Texten, deren Inhalt rechtliche oder finanzielle Konsequenzen nach sich ziehen kann, gilt daher: Nie ungeprüft übernehmen. KI ersetzt weder den Anwalt noch den Architekten noch die Fachperson des HEV.

Datenschutz ist ein Thema: Wer Verträge, Namen von Nachbarn oder Grundbuchauszüge in ein Gratis-Tool hochlädt, gibt diese Daten unter Umständen aus der Hand. Persönliche Daten Dritter gehören nicht ungefiltert in ein KI-System. Wer regelmässig mit sensiblen Dokumenten arbeitet, sollte auf Bezahlversionen mit klaren Datenschutzzusagen oder auf Schweizer Anbieter setzen.

Jede vernetzte Steuerung im Haus ist auch ein potenzielles Einfallstor: Ein sicheres Passwort, regelmässige Updates und ein separates Netzwerk für Smart-Home-Geräte sind das Minimum. Dies führt uns direkt zum grössten Thema.

Stufe 4: Energie und Technik – grosser Hebel, grosser Aufwand

Das ist das Feld, das in der Werbung am meisten Platz einnimmt – und das ich bewusst ans Ende stelle. Nicht, weil es unwichtig wäre, im Gegenteil: Hier liegt langfristig der grösste finanzielle Hebel. Aber es ist auch das Feld, in dem am meisten schiefgehen kann und in dem eine Investition nötig ist.

Lernende Heizungssteuerungen erfassen, wann welche Räume tatsächlich genutzt werden und passen die Vorlauftemperatur an. Sie berücksichtigen Wettervorhersagen, das Trägheitsverhalten des Gebäudes und die Sonneneinstrahlung. Die Heizkurve optimiert sich selbst, statt starr einem Zeitplan zu folgen.

Wer eine Photovoltaikanlage besitzt, kennt das Thema Eigenverbrauch. Intelligente Steuerungen verschieben den Betrieb von Wärmepumpe, Boiler oder Ladestation in Zeiten hoher Eigenproduktion. Je nach Ausgangslage lassen sich damit spürbar Kosten sparen.

Ein weiterer Aspekt ist die Verbrauchsanalyse. Manche Systeme erkennen an den Stromdaten, welches Gerät wie viel verbraucht und melden Auffälligkeiten. Zieht ein Kühlschrank plötzlich doppelt so viel Strom, ist das oft ein Frühwarnzeichen für einen Defekt. Ähnliches gilt für Wassersensoren, die einen schleichenden Leitungsschaden erkennen, bevor er teuer wird.

Aber – und das sage ich als jemand, der sich ausgiebig mit dem Thema beschäftigt hat – hier ist Nüchternheit gefragt. Die grössten Einsparungen entstehen weiterhin durch Dämmung, Fensterersatz und Heizungstyp. KI optimiert, sie ersetzt keine bauliche Sanierung. Wer eine Ölheizung ohne Strom-Eigenproduktion hat, holt aus einer smarten Steuerung deutlich weniger heraus als jemand mit Wärmepumpe und PV-Anlage.

Deshalb: zuerst die Bestandsaufnahme. Wo verbrauche ich am meisten Energie? Erst dann stellt sich die Frage nach der Steuerung. Und fragen Sie nach – bei Ihrer Elektrikerin, Ihrem Heizungsinstallateur, in Ihrer Gemeinschaft. Vieles klingt im Prospekt besser, als es im Alltag ist.

Fazit

Die Künstliche Intelligenz ist im Eigenheim angekommen – aber nicht als Roboter, der die Fassade streicht. Sie zeigt sich in einem Protokollentwurf, der schon fertig ist, bevor man den Laptop zuklappt. In einer Offerte, die man endlich versteht. Und, wenn man weiter geht, in einer Heizung, die mitdenkt.

Mein Rat aus eigener Erfahrung: Fangen Sie oben in dieser Liste an, nicht unten. Probieren Sie die einfachen Anwendungen an einem echten Problem aus, das ohnehin auf Ihrem Tisch liegt. Die grossen Investitionen kommen früh genug – und Sie treffen die Entscheidung dann mit deutlich mehr Gefühl dafür, was diese Technologie kann und was nicht.

Zur Autorin

Dr. Sophie Hundertmark ist KI-Forscherin, Beraterin und Autorin. Sie forscht an der Hochschule Luzern (IFZ) zu Conversational AI und begleitet Unternehmen und Privatpersonen beim verantwortungsvollen Einsatz von KI. Sie ist Autorin des Ratgebers «Hey KI, was machst du da?» und Gastgeberin des Podcasts «Sophie"s Next AI Talk».

 

Mehr Informationen finden Sie unter:
sophiehundertmark.com