Der Begriff Nachhaltigkeit ist stark an ganzheitliche, umfassende Konzepte gebunden, nur so wird er seiner Bedeutung auch gerecht. Mit wegweisender Architektur ist es genauso. Sie ist mehr als ein Bauwerk, sie ist raumbildend, in sich, nach innen und nach aussen. Jeder Bau steht durch den Aussenraum in einer Beziehung zu seiner natürlichen und gebauten Umwelt. Stadt- und Siedlungsräume sind komplexe Systeme und bedeuten mehr als Strassen, Plätze und Menschen. Sie sind vielfältig und bieten nicht nur uns, sondern auch Tieren und Pflanzen unterschiedliche Lebensräume. Die Forderung nach Innenverdichtung droht, vor allem in Wirtschaftszentren, natürliche Werte und die Natur an sich vermehrt ins Wanken zu bringen. Zunehmende kurze, intensive Wetterereignisse und tendenziell steigende Temperaturen schreien förmlich nach mehr Natur und Natürlichkeit zur Regulation.
Erfolgsfaktor Aussenraum
Der Grossteil des Gebäudeparks Schweiz steht bereits seit vielen Jahrzehnten. Viele Gebäude und ihr umgebender Freiraum sind aber meist noch in fast ursprünglichem Zustand. Der Aussenraum wird häufig nur bei Neubauten oder Total-sanierungen angepasst. Oft aus Kostengründen, Gewohnheit ans Bestehende, Bequemlichkeit oder Unsicherheiten gegenüber Veränderungen. Dies ist auch nachvollziehbar, denn qualitativ hochwertige, naturnahe Freiräume erfordern eine andere Pflege als konventionelle «Abstandsflächen».
Geschickt angelegte, naturnahe Freiflächen steigern die Attraktivität für jeden, der sich darin aufhält. Sie stützen also nicht nur Flora und Fauna. Sie helfen, Auswirkungen von Naturereignissen auf natürliche Weise zu reduzie-ren. Grünräume mit üppiger Vegetation helfen, Hitzeinseln abzuschwächen, spenden Schatten und können die Privatsphäre schützen. Gezielt gepflanzte Sträucher und Blumenwiesen sind nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern beschränken die Unterhaltsarbeiten wie Mähen und Beschneiden auf ein Minimum.
Es gilt, Landschaftsarchitekten genauso wie Energieberater frühzeitig in den Planungsprozess zu integrieren. Alterungsbeständigkeit, Kreislauffähigkeit, Wirtschaftlichkeit und saisonale Veränderungen werden vermehrt zum Gradmesser für die Auswahl von Materialien und Texturen. Ein Umfeld des Wohlbefindens schafft Attraktivität, was auch die Preissensitivität möglicher Interessenten herabsetzt. Dadurch wächst die Bereitschaft, im Rahmen des Budgets auch einen entsprechenden Aufpreis zu bezahlen. Ziel jeder Bauaufgabe sollte sein, mit einfachen, kostengünstigen Massnahmen möglichst viel Wirkung zu erzielen, um damit über das Rechnerische hinaus Mehrwerte zu schaffen.
Warum läuft der Ball beim nachhaltigen Bauen nicht rund?
Eine Begründung ist, dass es beim konsequent nachhaltigen Bauen die gesamte Wertschöpfungskette eines jeden verbauten Materials, den Lebenszyklus der Bauteile und deren Kreislauffähigkeit über den Nutzungs- und Lebenszyklus eines Gebäudes und darüber hinaus zu berücksichtigen gilt. Dies heisst demnach, dass auch entsprechend viele Anspruchsgruppen in den Gesamtprozess involviert sind und sich die unterschiedlichen Interessen der Akteure nicht immer decken und sich auch widersprechen können.
Politik, Behörden, Hersteller, Lieferanten, Planer, Bauherren und Nutzer stehen vor grossen Herausforderungen. Jede Anspruchsgruppe ist im eigenen Tempo und mit eigenem Gedankengut auf dem Zukunftsweg unterwegs zum gewünschten, viel propagierten Heilmittel Nachhaltigkeit.
Wahrheiten und Widersprüche auf dem Weg zu Netto-Null
Solange CO₂ statt vermieden nur «kompensiert», Beton nur «verbessert» statt substituiert wird, und solange High-Tech-Folien und -Kleber wichtiger sind als reale Lebenszykluskosten, bleibt alles Homöopathie und Netto-Null weiter ein fernes Ziel. Veränderung, Umbruch und Umdenken erfordern in erster Linie Innovation auf allen Ebenen. Behördliche (Über-)Regulierung schafft und honoriert da einzig die Konformität.
Während Gebäude langfristigen Lebenszyklen und oft einer generationenübergreifenden Nutzungsdauer folgen, verfolgen Exit-Strategien auf der Investorenseite meist viel kürzere Zyklen. Bauherrschaften und Nutzer suchen zwar vermehrt Nachhaltigkeit, am liebsten aber risikolos, ohne zusätzliches Preisschild und mit dem gewohnten Komfort. Während der digitale Markt für fast jedes neu geschaffene Bedürfnis rasch ein entsprechendes Gadget bereithält, scheint dies den Zulieferern der Baubranche bedeutend schwerer zu fallen. Werden hier vielleicht die bewährten Wertschöpfungsketten zu stark verteidigt? Die Technologien, das Know-how und das Kapital scheinen vorhanden zu sein, vielleicht sind wir näher dran, als wir meinen. Vielleicht fehlt, abgesehen von einigen realisierten Leuchtturmprojekten, die Bereitschaft, als Gesellschaft als Ganzes und im Rahmen der Möglichkeiten jedes Einzelnen der entscheidende Erfolgsfaktor: entschlossen und in ganzer Breite zu handeln.
Was heisst nachhaltig bauen?
Konsequent nachhaltiges Bauen fordert nicht nur eine andere Architektur mit weniger und möglichst natürlichem, kreislauffähigem Material, sondern auch ein hohes Mass an Vorfertigung, eine effiziente Gebäudetechnik, naturnahe, resiliente Aussenräume und vieles mehr. Durch die vielen Abhängigkeiten entlang der Wertschöpfungskette einzelner Bauteile und Komponenten, deren Fuss-abdruck künftig eindeutig nachvollziehbar sein muss, stellen sich auch Fragen nach den verschiedenen Verantwortlichkeiten der am Bau Beteiligten. Der neue Minergie-Standard «Netto-Null» setzt auf dem Weg zu konsequent nachhaltigem Bauen alle Hebel der Treibhausgasreduktion in Bewegung und vereint Machbarkeit mit Qualitätssicherung.
Standard Minergie-Netto-Null
Minergie-Netto-Null bilanziert die Lebenszyklusemissionen und bringt den im Bauwerk gebundenen Kohlenstoff in Abzug. Die restlichen Emissionen gleicht der Standard über Zertifikate aus. Beispielhaft dient hier ein Gebäude mit Massivholzfassade, das CO₂ speichert, dessen Solarpaneele den Energiehaushalt optimieren und dessen dichte Hülle, kombiniert mit einem smarten Lüftungskonzept, den Betrieb emissionsfrei hält. Der Baustandard Minergie-Netto-Null macht all dies messbar: Über einen definierten Lebenszyklus von 60 Jahren (zwei Generationen) hinweg werden Treibhausgasemissionen aus Errichtung und Nutzung erfasst, gespeicherter Kohlenstoff abgezogen und die Restemissionen mit Zertifikaten für Technologien ausgeglichen, die CO₂ real und dauerhaft aus der Erdatmosphäre ziehen. Der dreistufige Ansatz «vermeiden, speichern, ausgleichen» basiert auf den bewährten Standbeinen von Minergie: Energieeffizienz, erneuerbare Energien, automatischer Luftwechsel, sommerlicher Wärmeschutz und Monitoring. Die zertifizierte Netto-Null-Bilanz gilt ab Erstellung für 60 Jahre und führt zu gemittelten Ausgleichskosten von knapp unter zwei Prozent der Baukosten. Durch die Verwendung emissionsarmer Stoffe und die Anrechnung realer Negativemissionen anstelle von Substitution mittels gehandelter, kostenintensiver Zertifikate werden Nachhaltigkeit und Naturnähe Schritt für Schritt zum Erfolgsfaktor im künftigen Immobilienmarkt.








