Wildbienen bilden mit über 20 000 Arten weltweit und rund 600 Arten in Mitteleuropa eine ausserordentlich vielfältige Insektengruppe. Anders als oft angenommen, handelt es sich nicht um eine einheitliche Tiergruppe, sondern um zahlreiche Arten mit sehr unterschiedlichen Lebensweisen, Grössen und Ansprüchen. Viele Wildbienen sind hoch spezialisiert: Sie fliegen nur wenige Wochen im Jahr, sammeln Pollen von bestimmten Pflanzenfamilien oder nisten ausschliesslich im Boden, in Pflanzenstängeln oder in Totholz. Gerade diese Spezialisierung macht sie zugleich besonders wertvoll aber auch bedroht. Der Verlust geeigneter Lebensräume, intensive Landwirtschaft und ein Mangel an blütenreichen Strukturen führen dazu, dass zahlreiche Arten als gefährdet gelten. Dabei übernehmen Wildbienen einen Grossteil der Bestäubungsleistung – keineswegs weniger effizient als Honigbienen.
Sonderstatus der Honigbiene
Die Honigbiene (Apis mellifera) nimmt unter den Bienen eine Sonderrolle ein. Sie ist ein Nutztier, das vom Menschen gezüchtet, gehalten und vermehrt wird. Ihre Bestäubungsleistung ist gross, und sie ist im Gegensatz zu den Wildbienen nicht gefährdet. In manchen Regionen kann eine hohe Dichte an Honigbienenvölkern sogar zu Konkurrenz um Nektar und Pollen führen. Der Schutz der Biodiversität erfordert daher eine differenzierte Betrachtung: Während die Honigbiene wichtig für Landwirtschaft und Imkerei bleibt, verdienen Wildbienen gezielte Aufmerksamkeit und Förderung – insbesondere im Siedlungsraum.
Wildbienen im Garten
Gärten können durchaus eine Rolle als Rückzugsräume für Wildbienen spielen. Während monotone Rasenflächen kaum Nutzen bieten, beherbergen naturnah gestaltete Gärten nicht selten eine erstaunliche Artenvielfalt. Entscheidend ist die Kombination aus Blütenangebot, Nistmöglichkeiten und Ungestörtheit. Viele Wildbienen nisten im Boden und benötigen offene, sandige oder lehmige Stellen. Andere bevorzugen hohle Pflanzenstängel oder morsches Holz. Je strukturreicher ein Garten ist, desto grösser ist sein ökologischer Wert. Besonders wertvoll sind Pflanzen mit ungefüllten Blüten, da sie Pollen und Nektar frei zugänglich machen.
Holzbienen – beeindruckende Solitärbienen auf dem Vormarsch
Holzbienen, allen voran die Blauschwarze Holzbiene (Xylocopa violacea), gehören zu den grössten Wildbienen Europas. Mit ihrem tiefen Brummen und dem metallisch schimmernden Körper fallen sie sofort auf. Holzbienen leben solitär, bilden also keine Staaten, sondern nisten einzeln. Ihr Name leitet sich von ihrer Nistweise ab: Sie nagen mit ihren kräftigen Kiefern Gänge in abgestorbenes, sonnenwarmes Holz, etwa in alte Baumstämme, dicke Äste oder verwitternde Holzpfähle im Garten. In den letzten Jahrzehnten haben sich Holzbienen zunehmend nach Norden ausgebreitet – begünstigt durch mildere Winter und ein grösseres Angebot an strukturreichen Gärten. Holzbienen sind langlebig, beide Geschlechter überwintern. Nach der Paarung im April beginnen die Weibchen mit dem Nestbau. Die Tiere sind kräftige Brummer und besuchen bevorzugt grosse, nektarreiche Blüten. Aufgrund ihrer Grösse können sie auch robuste Blüten effektiv bestäuben, sind jedoch auf ein kontinuierliches Nahrungsangebot angewiesen. Holzbienen sind sehr standorttreu und nisten gerne in dem Holz, aus dem sie selbst geschlüpft sind. Wird ein Garten einmal besiedelt, ist die Chance also gross, dass sie dauerhafte Gäste werden. Vor ihrem Stich braucht man übrigens keine Angst zu haben. Sie sind sehr friedlich und flüchten bei Gefahr, sogar wenn ihr Nest bedroht wird.
Der Trachtkalender für Holzbienen
Wer Holzbienen dauerhaft in seinem Garten haben will, sollte neben altem Holz auch auf ein möglichst permanentes Angebot an geeigneten Blüten in seinem Garten achten. Die Pflanzenvorschläge der obigen Grafik stellen ein durchgehendes Blütenangebot, Bienenfreunde nennen es «Trachtfliessband», sicher. Die genannten Pflanzen gehören zu den beliebtesten Nektarquellen von Holzbienen.
Möglichkeiten zur Förderung von Wildbienen
Die Förderung von Wildbienen beginnt bei der Pflanzenauswahl. Heimische Wildstauden und Kräuter bieten oft das beste Nahrungsangebot, doch auch ausgewählte Gartenpflanzen können wertvoll sein. Wichtig ist eine lange Blühperiode von Frühling bis Herbst, um alle Flugzeiten abzudecken. Ebenso entscheidend ist der Verzicht auf Pestizide und chemische Dünger. Schon kleine Massnahmen – ein stehen gelassener Stängel, ein Stück Totholz, ein sonniger Sandbereich – können grosse Wirkung entfalten. Wildbienenschutz ist keine Frage der Gartengrösse, sondern der Gestaltung.
Die fünf besten Tipps zur Förderung von Wildbienen im Garten
●Ungefüllte Blüten – sie liefern frei zugängliche Pollen und Nektar.
●Blühabfolge sicherstellen – vom zeitigen Frühjahr bis in den Herbst.
●Nistplätze anbieten – Sandflächen, Totholz, hohle Stängel, Trockenmauern.
●Auf Chemie verzichten – keine Pestizide oder Herbizide einsetzen.
●Strukturen zulassen – Laub, Altgras und verblühte Stängel stehen lassen.
Einheimisch oder fremdländisch?
Oft wird die Förderung von Wildbienen ausschliesslich mit einheimischen Pflanzen in Verbindung gebracht. Tatsächlich spielen heimische Wildpflanzen eine wichtige Rolle – doch sie sind nicht die einzige wirksame Nahrungsquelle. Auch viele mediterrane Kübelpflanzen leisten einen wertvollen Beitrag, insbesondere in Gärten und auf Terrassen.
Entscheidend für Wildbienen ist weniger die geografische Herkunft einer Pflanze als vielmehr ihr Angebot an gut zugänglichem Pollen und Nektar. Mediterrane Arten wie Lavendel, Rosmarin, Thymian, Salbei oder Oregano sind reich an Nektar, blühen oft über einen langen Zeitraum und werden intensiv von zahlreichen Wildbienenarten besucht. Gerade in heissen, trockenen Sommern erweisen sich diese Pflanzen als besonders zuverlässig, da sie auch unter Stressbedingungen weiterblühen. Hinzu kommt, dass Kübelpflanzen neue Blühstandorte schaffen, wo sonst kaum Nahrung verfügbar wäre: auf versiegelten Flächen, Balkonen, Innenhöfen oder Dachterrassen. Sie wirken dort als «Trittsteine» im urbanen Raum und verbinden isolierte Lebensräume.
Mit gezielten Pflanzungen und etwas Gelassenheit bei der Gartenpflege lassen sich Wild- und Holzbienen nachhaltig fördern – ein Gewinn für Natur, Garten und kommende Generationen.
Irène Nager, Jardin Suisse






