Der Schweizer Wohnungsbau ist erstaunlich konservativ. Obwohl sich Familienformen, Arbeitswelten und Lebensentwürfe in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert haben, werden Wohnungen noch immer weitgehend nach denselben Mustern geplant wie vor fünfzig Jahren. Zwei Zimmer, drei Zimmer, viereinhalb Zimmer – als liesse sich das Leben dauerhaft in feste Grundrisse einteilen.
Präzise städtebauliche Setzung
Das Projekt «Wohnen am Kelchweg» in Zürich-Altstetten stellt diese Logik infrage. Anstelle eines Zeilenbaus der Baugenossenschaft Halde Zürich (BHZ) aus den Nachkriegsjahren entstanden zwei neue Wohnbauten mit insgesamt 32 Wohnungen. Das Zürcher Architekturbüro Mathis Kamplade gewann 2019 den vom Amt für Hochbauten der Stadt Zürich ausgeschriebenen Wettbewerb, und die Neubauten wurden 2024 fertiggestellt.
Die städtebauliche Ausgangslage war anspruchsvoll. Das Grundstück liegt am Übergang zwischen der dichten Bebauung entlang der Badenerstrasse und einem kleinteiligeren, durchgrünten Wohnquartier. Anstatt eine lange Zeile entlang der Strasse zu setzen, entschieden sich die Architekten für zwei freistehende Baukörper. Dadurch entstand ein gemeinsamer Freiraum, der den Häusern eine klare Adresse gibt und zwischen Quartier und Wohnanlage vermittelt. Äusserlich wirken die Bauten zurückhaltend und beinahe selbstverständlich. Ihre eigentliche Innovation verbirgt sich im Innern.
Überraschende Grundidee
Die Wohnungen sind nicht als starre Raumabfolgen konzipiert, sondern als wandelbare Systeme. Bewegliche Trennelemente erlauben es den Bewohnern, die Grundrisse den eigenen Bedürfnissen anzupassen. Die Beweglichkeit der Wände basiert auf grossen Scharnieren, die eine einfache Handhabung ermöglichen. Die Türen werden dabei mit Magneten fixiert, bevor die Wandsegmente zur Seite gedreht werden. Eine bestechend einfache Idee. Die Kombination aus kompakten Wohnflächen und anpassungsfähigen Grundrissen schafft Wohnräume, die sich an die individuellen Bedürfnisse und den über die Jahre wechselnden Lebenssituationen der Bewohner anzupassen vermögen.
Aus einem offenen Wohnraum können mehrere Zimmer entstehen; aus einer klassischen Dreizimmerwohnung wird zeitweise eine Wohnung mit vier separaten Räumen. Die Architektur reagiert damit auf eine Realität, die im Wohnungsbau lange unterschätzt wurde: Gebäude bestehen oft deutlich länger als die Lebensmodelle ihrer Bewohner. Eine Person wohnt zunächst allein. Später zieht ein Partner ein. Ein Kind kommt dazu. Einige Jahre später wird ein Arbeitszimmer benötigt. Irgendwann ziehen die Kinder wieder aus. In konventionellen Wohnungen führen solche Veränderungen häufig zu räumlichen Kompromissen oder zu kostspieligen Umbauten. Am Kelchweg soll derselbe Grundriss all diese Phasen aufnehmen können.
Anpassungsfähig planen
Dabei war für die Bauherrschaft vor allem die Option einer Abtrennung des Wohnbereichs und damit einer dichteren Belegung der Wohnung interessant. Anders als herkömmliche Wohnungen mit 2,5 und 3,5 Zimmern, las-sen sich diese dank der drehbaren Wände in ähnlich grosse Zimmer unterteilen. Ohne den Flächenrahmen der kantonalen Wohn-bauförderung zu sprengen, handelt es sich im komplett gekammerten Zustand um vollwertige, wenn auch kompakte Wohnun-gen mit 3 Zimmern à 65 beziehungsweise mit 4 Zimmern à 82 Quadratmetern. Hier liegt die eigentliche Qualität des Projekts. Es versteht Flexibilität nicht als modisches Schlagwort, sondern als architektonisches Prinzip.
Ob die drehbaren Wände am Kelchweg tatsächlich regelmässig bewegt werden, wird sich erst im Alltag zeigen. Vielleicht werden sie zu einem selbstverständlichen Werkzeug für unterschiedliche Lebenssituationen. Vielleicht bleiben sie nach anfänglichem Ausprobieren über Jahre in derselben Stellung. Die Architektur kann Veränderung ermöglichen, sie aber nicht erzwingen.
Nachhaltig und flexibel
Auch in anderen Bereichen setzt das Projekt auf Anpassungsfähigkeit und Langlebigkeit. Die Konstruktion kombiniert einen Betonkern mit einem Holzskelettbau. Tragende Elemente sind klar von den veränderbaren Teilen getrennt. Dadurch wird nicht nur die heutige Nutzung erleichtert, sondern auch eine spätere Umgestaltung. Die Häuser sind gewissermassen darauf vorbereitet, sich über Jahrzehnte weiterzuentwickeln. Bemerkenswert ist zudem, dass diese Flexibilität nicht mit einem hohen technischen Aufwand erkauft wurde. Die Gebäude folgen einem bewusst einfachen Low-Tech-Ansatz mit Erdsonden, Photovoltaik und natürlicher Fensterlüftung. Während viele Neubauten auf immer komplexere Haustechnik setzen, versucht das Projekt, Robustheit, Nachhaltigkeit und Anpassungsfähigkeit miteinander zu verbinden.
Das von Best Architects 26 mit dem Gold Award ausgezeichnete Projekt liefert damit einen der interessantesten Beiträge zur aktuellen Wohnbau-Debatte. Seine eigentliche Leistung liegt jedoch weniger in den beweglichen Wänden als in der Frage, die es aufwirft: Warum planen wir Wohnungen noch immer für einen bestimmten Lebensmoment, wenn Gebäude doch für Generationen gebaut werden?











