HEV-Musikreise classicAscona

«Wir haben sehr viele Vorreservationen»

Seit Herbst 2025 stehen die «Settimane Musicali di Ascona» unter der künstlerischen Leitung von Christoph Müller und heissen neu classicAscona. Dem Schweizerischen Hauseigentümer erläutert der Basler Kulturmanager die Ziele seines neuen Herzensprojekts.

Der Schweizerische Hauseigentümer:Christoph Müller, Sie leiteten bis 2025 während 24 Jahren das zweitgrösste Klassikfestival der Deutschschweiz in Gstaad, sind im KKL Luzern Konzertveranstalter und produzieren zahlreiche spannende Musikprojekte in der ganzen Schweiz. Was reizt Sie an Ihrer neuen Aufgabe in Ascona?

Christoph Müller: Ascona ist eine Perle! Das Locarnese und das Tessin als stimmungsvolle Sehnsuchtsorte für ein Klassikfestival von internationaler Ausstrahlung haben grosses Potenzial, das noch brachliegt. Es reizt mich sehr, meine Erfahrung einzubringen, das Festival in die Zukunft zu führen und zum Blühen zu bringen.

classicAscona, die ehemaligen Settimane Musicali die Ascona, ist das zweitälteste Klassikfestival der Schweiz. Was zeichnete es bisher aus?

Die Settimane Musicali di Ascona sind prestigeträchtig, und mein Vorgänger, der Tessiner Pianist Francesco Piemontesi, hat es geschafft, ein überzeugendes künstlerisches Profil zu entwickeln, das auch anspruchsvolle und selten zu erlebende Programme mit führenden Musikerinnen und Musikern unserer Zeit präsentierte. Überhaupt beeindruckt mich, welche Persönlichkeiten über die Jahrzehnte regelmässig in Ascona und Locarno aufgetreten sind! Sviatoslav Richter, Mstislaw Rostropowitsch oder Claudio Abbado sind nur drei davon. Ich habe mich mit grosser Demut gegenüber dieser Vergangenheit an die Aufgabe der Transformation gemacht.

Wie würden Sie die neue Ausrichtung von classicAscona umschreiben?

Wir möchten in erster Linie Exzellenz-Konzerte mit spannenden Entdeckungen im Academy-Bereich und unverwechselbaren interdisziplinären Begleitveranstaltungen an ikonischen Orten des Locarnese wie dem Monte Verità, den Brissago-Inseln oder der Botta-Kirche in Mogno im Maggiatal kombinieren. Dies mit dem Ziel, den Besuchenden ein genussvolles und spannendes Gesamterlebnis bieten zu können. Neu wird das Festival kompakt während dreier Wochen stattfinden und konsequent auch den Musikfestival-Tourismus in ganz Europa ansprechen. Bisher hatte das Festival eher den Charakter einer Konzertreihe, verteilt über sechs bis acht Wochen, was es aus touristischer Sicht nicht so einfach machte, Gäste für einen längeren Aufenthalt ins Locarnese zu holen. Erste Zeichen seitens der Musikinteressierten aus ganz Europa sind geradezu enthusiastisch. Wir haben sehr viele Vorreservationen!

Sie sprühen vor Begeisterung und Energie, und Ihr Herzblut scheint dem neuen Projekt gewidmet. Warum sind Sie überzeugt, dass die Transformation gelingen wird?

Ich bin von diesem Gemisch des Angebots und dem Zauber des Projekts zutiefst überzeugt. Zudem gibt es noch kein Tessiner Klassikfestival mit internationalem Format, und die Jahreszeit, früher Herbst, ist ebenfalls noch «frei» im internationalen Festivalkalender. Was gibt es Schöneres, als im Spätsommer im Süden in magischen Klangräumen und in mediterraner Umgebung hochkarätige Konzerte zu erleben? Zusammen mit einem Team von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen werden wir alle unsere Energie und Ideen daran setzen, diese Transformation zu einem Erfolg werden zu lassen.

Wie ist es Ihnen gelungen, die Opinion Leaders vor Ort im Locarnese von Ihren Plänen zu überzeugen?

Meine Erfahrungen im Entwickeln von Festivals und musikalischen Projekten halfen sicher, aufzuzeigen, dass Kultur und klassische Musik auch Wirtschaftsfaktoren sein können. Allein in Deutschland haben gemäss einer Umfrage ca. sechs Millionen Menschen angegeben, für Musikfestivals zu reisen und Geld auszugeben; in der Schweiz dürften es ca. 700 000 sein. Auch die Einbindung vorhandener Leistungsträger und Kräfte, wie zum Beispiel Tessiner Bildungsinstitutionen, ist ein wichtiger Faktor, um das Festival noch tiefer zu verwurzeln. Schliesslich haben wir konkrete Vorschläge der Zusammenarbeit aufgezeigt und Modelle vorgeschlagen, um gemeinsam erfolgreich sein zu können.

Welches sind die musikalischen Highlights Ihrer ersten Ausgabe im September und Oktober 2026?

Die Programmation dreht sich jeweils um die drei «Artists in Residence». Sie sind je eine Woche in der Region, gestalten drei Konzerte und geben je eine Meisterklasse im Rahmen der Academy. In der ersten Ausgabe von classicAscona sind dies Julia Lezhneva, Vilde Frang und Sol Gabetta. Highlights sind die sinfonischen Konzerte mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, der Camerata Salzburg, dem Orchestra della Svizzera Italiana oder dem Kammerorchester Basel. Dass ich glücklich bin, dass wir Cecilia Bartoli mit ihrer konzertanten Fassung von Glucks Orfeo ed Euridice präsentieren können, verhehle ich nicht.

Wo möchten Sie mit dem Festival im Jahr 2030 angekommen sein?

Wir haben uns konkrete Ziele gesetzt, die wir noch nicht öffentlich kommunizieren, weil wir zuerst das Ergebnis der ersten Ausgabe abwarten möchten. Aber es ist klar, dass der Pfeil nur nach oben zeigen kann! Mein Ziel ist es, dass wir 2030 zu den Top 4 der Schweizer Klassikfestivals gehören, auch international viel stärker wahrgenommen werden und den Kreis der Besuchenden wesentlich erweitert haben.

Ihr Geheimtipp in der Ausgabe 2026?

Da gibt es viele! Allein schon die jungen Musikerinnen und Musiker unserer Reihe «Costellazione giovani». Aber den japanischen Starpianisten Hayato Sumino sollte niemand verpassen. Er ist ein Musiker der Zukunft, wechselt spielend zwischen den Genres und Stilen und ist als «Cateen» ein YouTube-Star. Erst kürzlich hat er den Rekord eines ausverkauften Rezitals gebrochen: In einer japanischen Stadt wurden in wenigen Minuten über 18 000 Tickets für ein Konzert von Hayato verkauft, was einen Weltrekord für ein klassisches Konzert bedeutet. Er spielt bei uns am 4. Oktober im Collegio Papio in Ascona.

 

«Solche Konzerte erinnern mich daran, dass Musik im Kern ein sehr persönlicher Dialog ist»

Im Oktober findet die erste Ausgabe des classicAscona statt. Die Programmgestaltung dreht sich jeweils um drei «Artists in Residence». Sol Gabetta wird in diesem Jahr eine von ihnen sein.

Die Cellistin Sol Gabetta zählt zu den herausragenden Musikerinnen unserer Zeit. Im kleinen Interview mit unserer Zeitung spricht sie über ihre frühe Faszination für das Cello, die besondere Intensität kleiner Konzertorte und darüber, weshalb sie der Schweiz trotz internationaler Karriere eng verbunden geblieben ist.

Der Schweizerische Hauseigentümer: Sol Gabetta, warum haben Sie sich für das Cello entschieden, obwohl Ihre Mutter Pianistin ist?

Sol Gabetta: Das Cello hat mich sehr früh durch seinen Klang angezogen. Es besitzt eine Nähe zur menschlichen Stimme, eine Tiefe und Wärme, die mich emotional sofort erreicht hat. Als Kind hatte ich das Gefühl, dass ich mich über dieses Instrument direkter ausdrücken kann – fast körperlich. Die Geige ist wunderbar, aber das Cello erlaubt mir, sowohl zu singen als auch zu begleiten, sowohl Kraft als auch Intimität zu zeigen. Diese Vielschichtigkeit hat mich überzeugt.

Sie stehen auf allen grossen Konzertbühnen der Welt. Was reizt Sie daran, in einem kleineren Rahmen zu spielen, etwa in Ascona oder Locarno?

In kleineren Sälen entsteht eine besondere Nähe zwischen Publikum und Musiker. Die Konzentration ist intensiver, jede Nuance zählt, jede Geste wird wahrgenommen. Für mich als Interpretin ist das eine grosse Chance, sehr direkt zu kommunizieren – ohne Distanz, ohne Filter. Orte wie Ascona oder Locarno haben zudem eine eigene Atmosphäre, die sich unmittelbar auf das Musizieren überträgt. Solche Konzerte erinnern mich daran, dass Musik im Kern ein sehr persönlicher Dialog ist.

Sie sind eine Weltbürgerin, bleiben der Schweiz aber mit Ihrem Solsberg-Festival treu. Weshalb ist Ihnen das wichtig?

Auch wenn ich viel unterwegs bin und mich an vielen Orten der Welt zu Hause fühle, ist die Schweiz für mich ein wichtiger innerer Bezugspunkt geblieben. Das Solsberg-Festival steht für Kontinuität, Vertrauen und für eine Art des Musizierens, die nicht von schnellen Erwartungen oder äusseren Zwängen geprägt ist. Dort kann ich Verantwortung übernehmen, gestalten und etwas weitergeben – an junge Musikerinnen und Musiker ebenso wie an das Publikum.

HEV-Exklusivreise

Alle Infos zur HEV-Musikreise finden Sie hier.