Vögel

Eine Gesangskünstlerin, die Vielfalt schätzt

Die Amsel gilt als Frühlingsbotin und ihr melodiöser Gesang gefällt vielen Menschen. Sie ist aus den Wäldern in die Siedlungen eingewandert und fühlt sich in naturnahen Gärten besonders wohl.

von Carine Hürbin

Mitarbeiterin Kommunikation, Schweizerische Vogelwarte Sempach

Frühlingsgefühle im Februar, wenn es morgens noch still und dunkel ist? Mit der Amsel ist das möglich, denn sie ist eine der ersten Vogelarten, die in unseren Breiten ihren Gesang anstimmt. Zum Teil noch im Dunkeln und frühmorgens erklingt ihr flötender Gesang. Die Amselmännchen nutzen dafür hohe Singwarten und bringen uns so den Frühling näher.

Im 19. Jahrhundert galt die Amsel noch als scheue Bewohnerin der Wälder. Heute mag man dies kaum mehr glauben, da sie auch in Städten und Dörfern, in grünen Quartieren, in Parks und Friedhöfen, in Gärten und am Waldrand anzutreffen ist. Sie ernährt sich sehr vielseitig von Käfern, Würmern, Fallobst, Schnecken, Beeren und vielem mehr. Gibt es einheimische, beerentragende Pflanzen wie Kornelkirsche, Schwarzer Holunder oder Efeu in einem Garten, bedienen sich Amseln gern daran.

Vom Teller in die Musiknoten

Abgesehen von ihrer Rolle als Frühlingsbotin hat die Amsel weitere Spuren in der Kultur hinterlassen. Im antiken Rom galten Amseln als schmackhaft, zur traditionellen korsischen Küche gehört Amselpastete. Darüber hinaus galt ihr Gesang als besonders musikalisch und zahlreiche Komponisten liessen sich von ihr inspirieren. Auch in Kinderliedern steht die Amsel an prominenter Stelle: In «Alle Vögel sind schon da» beginnt die Aufzählung der Vogelarten gleich mit ihr, in der «Vogelhochzeit» ist sie gar eine der Hauptfiguren, nämlich die Braut.

Dass die Amsel in musikalischen Werken auftritt, kommt nicht von ungefähr. Mit ihrem klaren, melodiösen Gesang sind vor allem die Männchen vielen Menschen bekannt. Am intensivsten ist der Gesang frühmorgens. Zahlreiche abwechslungsreiche Motive zeigen den Weibchen an, dass der Sänger fit und kräftig ist. Forschende haben festgestellt, dass es grosse individuelle Unterschiede bei den verwendeten Motiven und Variationen gibt, und sich die Vögel daran gegenseitig erkennen können.

Kinderstube im Garten

Amselpaare sind sich für die jeweilige Brutsaison meistens treu. Vor allem das Weibchen baut das Nest in Bäumen oder Sträuchern, vor Blicken und Beutegreifern verborgen. Amseln sind daher darauf angewiesen, dass diese Strukturen in Gärten oder Parks vorhanden sind. Nistkästen, wie sie sonst für Meisen oder Stare eingesetzt werden, nehmen sie nicht an. Ist der Brutplatz einmal gewählt, geht es relativ schnell: Der Nestbau dauert im Schnitt ein paar Tage, das Ausbrüten der drei bis fünf Eier etwa zwei Wochen. Nach weiteren zwei Wochen intensiver Fütterung verlassen die Jungen bereits das Nest.

Die Herausforderungen beginnen für Amseln allerdings schon vor dem Brutgeschäft: Ausgeräumte oder nur mit exotischen Pflanzen bestückte Gärten und Parks bieten ihnen nur wenig Brutplätze und Nahrung. Wer Vögel im eigenen Garten fördern möchte, zieht einheimische Sträucher wie Holunder oder Kornelkirsche den exotischen Zierpflanzen wie Thuja vor. Dornensträucher wie Schwarzdorn oder Wildrose bieten den Amseln zusätzlichen Schutz für ihre Brut.

Ein Amsel-Paar, das den eigenen Garten als Brutplatz gewählt hat, bereitet grosse Freude. Wenn der Nistplatz aber sehr leicht einsehbar oder zugänglich ist, sollten wir uns bewusst machen, dass die Anwesenheit von Menschen für Vögel meistens Stress bedeutet und das Brutgeschehen empfindlich stören kann. Daher ist es wichtig, Abstand zu halten und das Nest in Ruhe zu lassen.

Hinaus in die weite Welt

Sind die jungen Amseln so weit, dass sie das Nest verlassen können, verteilen sie sich in der Umgebung. Zwar können sie dann noch nicht richtig fliegen, doch sie sind voll befiedert und können ausserhalb des Nests überleben. Sie werden weiterhin von ihren Eltern versorgt, bis sie völlig selbstständig sind. Diese sogenannten Ästlinge sind also nicht verlassen, auch wenn dies auf uns manchmal so wirken mag.

Das Verlassen des Nests vor dem Erreichen der Flugfähigkeit ist folglich ein natürlicher Prozess und eine Überlebensstrategie: Halten die Jungen Abstand zueinander, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Beutegreifer wie eine Katze oder ein Marder den gesamten Nachwuchs erwischt. Treffen wir also bei einem Spaziergang auf einen solchen Vogel, sollten wir vor dem Eingreifen erst die Situation einschätzen. Bei Unsicherheit kann eine Pflegestation oder die Schweizerische Vogelwarte beratend unterstützen.

Intensive Jahreszeiten

Das ganze Jahr hindurch sind Amseln beschäftigt: Im Frühling singen die Männchen, um ihr Revier abzustecken und sich den Weibchen zu präsentieren. Nach der Paarung machen sich Letztere an die Eiablage und das Brüten. Kaum sind die Jungen geschlüpft, gilt es, ihre hungrigen Schnäbel zu stopfen – erst mit Würmern, dann mit Insekten und, wenn der Nachwuchs schon ein Stück grösser ist, auch mit Beeren.

Für die Amseln stellt die Brut eine intensive Zeit dar, in der sie für ihre Jungen und für sich selbst viel Energie benötigen. Und kaum ist die Brutzeit vorüber und die jungen Amseln ausgeflogen, beginnt die Mauser, die den Altvögeln dazu dient, ihr Gefieder zu erneuern. Sie können dann weniger gut fliegen und ziehen sich stark zurück. Da sie dann auch kaum noch singen, entsteht für das menschliche Ohr und Auge manchmal der Eindruck, es seien keine Amseln mehr da, zumal sie in der dichten Vegetation auch weniger schnell zu entdecken sind.

Im Herbst und Winter schliesslich streifen Amseln wieder auffälliger umher auf der Suche nach Nahrung. Wenn dann im vogelfreundlichen Garten einige Beeren noch an den Sträuchern hängen, bringt das den Amseln eine willkommene Energiequelle für die kalte Jahreszeit. Soll im Garten oder auf dem Balkon doch aufgeräumt werden, sollten Samenstände und andere Pflanzenreste erst im Frühling weichen, wenn die Beeren abgefressen sind und die Amseln erneut singen.

Der vogelfreundliche Garten

• Einheimische Sträucher wie Schwarzer Holunder oder Trauben-kirsche statt exotischer Zierpflanzen wie Kirschlorbeer wählen;

• Dornensträucher wie Schwarzdorn und Wildrosen bieten Amseln zusätzlich Schutz vor Beutegreifern;

• Verwilderte Ecken mit einheimischen Stauden wie Brennnesseln und einheimische Kletterpflanzen wie Hopfen sind attraktiv für Insekten und bieten damit den Vögeln Nahrung;

• Pestizide, Torf und invasive Neophyten meiden;

• Vielfältige Strukturen wie Mäuerchen, Wiesen, Blumenbeete mit Wildstauden, Asthaufen, Sandlinsen, Komposthaufen etc. machen einen Garten naturnah und vogelfreundlich.

 

Weitere Tipps und Hinweise finden Sie unter: vogelwarte.ch