Meier meint

Schule à la carte?

von Markus Meier

Direktor HEV Schweiz

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Vor drei Jahren hat die Oberstufenschule in Gossau (SG) ein neues Schulmodell eingeführt. Wer will, kann bereits um 07.30 Uhr kommen und in der Lernlandschaft arbeiten, wo auch zwei Lehrpersonen anwesend sind. Spätestens um 08.30 Uhr startet der offizielle Unterricht, bei dem alle Schülerinnen und Schüler anwesend sein müssen. Die Anzahl der Klassenstunden pro Woche bleibt gleich.

Laut Medien – kaum ganz unerwartet – wählten 95 Prozent den späteren Schulbeginn. Da sich der Zeitpunkt des Schlafengehens kaum veränderte, erhöhte sich die Schlafdauer an Schultagen um eine Dreiviertelstunde. Die Jugendlichen berichteten von weniger Einschlafproblemen und besserer Lebensqualität. Eine Schülerin wurde mit den Worten zitiert: «Ich kann viel besser in den Tag starten, wenn ich morgens nicht stressen muss. Zudem kann ich mich tagsüber besser konzentrieren und komme abends nicht völlig geschafft nach Hause.» Und der zuständige Schulleiter lässt sich zitieren, dass die Schule zu viel vorgebe und man einen Gegenpart setzen wollte. Das flexible Modell ermutige die Jugendlichen dazu, in sich hineinzuhören und zu überlegen: Was tut mir gut? Was brauche ich heute? Die Kinder zeigten mehr Energie und die Leistungen hätten sich verbessert.

Das Gossauer Modell weckt nun auch andernorts Begehrlichkeiten. Kürzlich wurde vom Stadtbasler Kantonsparlament ein Vorstoss (Motion) mit 71 Ja- zu 15 Nein-Stimmen deutlich gutgeheissen, der verlangt, dass Schülerinnen und Schüler den Schulstart innerhalb eines Zeitfensters selbst bestimmen können. Überrascht hat mich jener Teil in der Begründung zur Motion, in jener der Autor eine demokratiepolitische Dimension geltend macht. Zitat: Die Betroffenen sind Jugendliche, die nur teilweise oder gar keine politischen Rechte haben. Die Schweiz hat sich mit der UNO-Kinderrechtskonvention verpflichtet, Kinder und Jugendliche in Angelegenheiten, die sie betreffen, anzuhören und ihre Sicht angemessen zu berücksichtigen. Wenn ein Anliegen wiederholt aus der Lebensrealität der Schülerinnen und Schüler kommt und gleichzeitig durch Evidenz gestützt wird, ist es Aufgabe der Politik, die Machbarkeit zu schaffen, auch wenn das für das System und für Erwachsene Umstellungen bedeutet.

Ich erlaube mir die scheue Frage, inwiefern eine solche «à la carte-Strategie» für unsere Kinder, unsere Gesellschaft, ja unser Land zielführend und zukunftsfähig ist. Und das Ende der Ego-Wünsche ist noch nicht erreicht. Das zeigt der selbsterklärende Kommentar eines befragten Zwanzigjährigen: «07.30 Uhr ist früh, aber 08.30 Uhr ist immer noch früh.»