Wohnen

Wandkunst, die schützt und verschönert

Sie verleihen Räumen Identität und zeigen, dass Wandgestaltung seit jeher ein zentrales Element menschlicher Wohnkultur ist: Tapeten geben Räumen Charakter und Individualität.

von Gerald Brandstätter

Conzept-B

Kaum etwas anderes vermag es, Räumen so schnell einen prägenden Stempel aufzudrücken wie Tapeten. Dabei ist die Tapete weit mehr als ein dekorativer Wandbelag: Sie ist Ausdruck kultureller Entwicklungen, technischer Innovationen und sich wandelnder Wohnbedürfnisse. Feine dunkle Linien auf hellem Grund, ein dezentes Blumenmotiv, ein geometrisches Muster oder ein ausgefallenes Ornament – Tapeten gehören zu den wirkungsvollsten Gestaltungselementen im Interior Design.

Lange Geschichte

Im Kern ist eine Tapete eine Wandbekleidung aus Papier, Vlies, Kunststoff oder Glasgewebe, die Innenwände schützt, verschönert und strukturiert. Ihre Ursprünge reichen weit zurück, denn schon früh suchten Menschen nach Möglichkeiten, ihre Wohnräume zu isolieren und zugleich zu schmücken. Besonders im Orient und im alten China wurden Wände mit kunstvoll bemalten Reispapieren und Seidenstoffen dekoriert. Diese frühen Formen der Wandgestaltung gelten als direkte Vorläufer der heutigen Tapete.

Über Handelswege gelangte die Idee nach Europa. Im Mittelalter dominierten hier kostbare Wandteppiche und textile Bespannungen, die nicht nur Schutz vor Kälte boten, sondern auch Macht und Wohlstand symbolisierten. Der Begriff «Tapete» selbst leitet sich vom lateinischen Wort für Teppich oder Decke ab und verweist auf diese textile Herkunft. Erst im 14. Jahrhundert tauchten in Italien erste bedruckte Papiertapeten auf. Sie wurden aus handgeschöpftem Papier gefertigt und aufwendig von Hand bemalt oder bedruckt. Mit dem technischen Fortschritt des 17. und 18. Jahrhunderts, insbesondere durch die Entwicklung gleichmässiger Druckverfahren und der Papiermaschine von Nicolas-Louis Robert, wandelte sich die Tapete vom Luxusgut zum seriell herstellbaren Produkt. Im 19. Jahrhundert machte die Massenproduktion Tapeten schliesslich für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich.

Grosse Vielfalt

Diese technische Entwicklung setzte sich bis in die Gegenwart fort und spiegelt sich in der heutigen Vielfalt an Materialien und Designs wider. Klassische Papiertapeten bestehen vollständig aus Papierfasern und überzeugen durch ihre natürliche Atmungsaktivität sowie ein attraktives Preis-Leistungs-Verhältnis. Sie eignen sich besonders für Wohn- und Schlafräume und tragen zu einem angenehmen Raumklima bei. Ihre Verarbeitung erfordert jedoch etwas Erfahrung, da die Bahnen vor dem Anbringen eingekleistert und eingeweicht werden müssen und sich beim Trocknen zusammenziehen.

Als moderne Weiterentwicklung haben sich Vliestapeten etabliert, die heute die gängigste Tapetenart darstellen. Sie bestehen aus einer stabilen Mischung aus Zellulose- und Textilfasern, sind reissfest, dimensionsstabil und besonders einfach zu verarbeiten. Der Kleister wird direkt auf die Wand aufgetragen, die Tapete kann trocken angebracht und bei Bedarf später rückstandslos entfernt werden. Neben Papier- und Vliestapeten existieren weitere Spezialformen wie Vinyl-, Textil-, Natur- oder Glasfasertapeten, die jeweils spezifische funktionale oder ästhetische Anforderungen erfüllen, etwa erhöhte Strapazierfähigkeit, Hygiene oder besondere haptische Effekte.

Akzente setzen

Parallel zur Materialentwicklung haben sich auch die Druck- und Gestaltungstechniken stetig weiterentwickelt. Während früher Holzmodel und Schablonen dominierten, kommen heute Tiefdruck-, Siebdruck- und Digitaldruckverfahren zum Einsatz. Besonders der Digitaldruck eröffnet neue Möglichkeiten, da er hochauflösende Motive, fotorealistische Darstellungen und individuelle Anfertigungen erlaubt. So entstehen Tapeten, die Beton, Holz oder Stein täuschend echt imitieren oder ganze Landschaften und Kunstwerke an die Wand bringen.

In der heutigen Wohnkultur werden Tapeten gezielt eingesetzt, um Akzente zu setzen, Zonen zu definieren oder Stimmungen zu erzeugen. Aktuelle Trends reichen von grossformatigen Fototapeten über grafische Muster und dreidimensionale Effekte bis hin zu natürlichen Farben und Materialien, die Ruhe und Nachhaltigkeit vermitteln. Gleichzeitig erlebt die Tapete eine Renaissance als Ausdruck persönlicher Kreativität, fernab von rein funktionaler Wandgestaltung.