Design

Wo das Tatzelwurmsofa auf den Ball Chair trifft

Das «Möbelhaus H100» ist eine Schatzkammer. Wie ein Tatzelwurmsofa aussieht und was man gegen das Verschwinden von Designklassikern tun kann, haben wir uns vor Ort erklären lassen.

Interview von Isabelle Piccand, Redaktorin beim HEV Schweiz

Wer das Möbelhaus H100 im Zürcher Kreis 4 an der Hohlstrasse besucht, muss nicht lange nach Designklassikern Ausschau halten, die Geschichte geschrieben haben.

Vintagemöbel und echte Designklassiker reihen sich hier aneinander. So lassen die originalen «Panton Chairs» aus der ersten Edition von 1967, die um einen seltenen «Kantarelli»-Tisch von Eero Aarnio aus dem Jahr 1966 stehen, nicht lange auf sich warten.

Nicht weit davon entfernt fällt der unverkennbare Spiegel «Ultra-fragola» von Ettore Sottsass ins Auge. Mit seiner geschwungenen, leuchtenden Silhouette erinnert er an eine Comicbeleuchtung. 

«Der Ultrafragola ist momentan sehr gefragt und wird auch auf Social Media stark gehypt», sagt Natalie Peter, Mitglied der Geschäftsleitung des H100.

Die ausgebildete Textil- und Produktdesignerin, die mehrere Jahre bei Vitra gearbeitet hat, weiss, welche Möbel aktuell besonders begehrt sind, warum manche Schweizer Klassiker unterschätzt werden und weshalb Designgeschichte nicht im Sperrmüll enden sollte.

 

Der Schweizerische Hauseigentümer: 

Frau Peter, wer heute ein ikonisches Möbelstück sucht, findet im H100 eine beeindruckende Auswahl. Welcher Designklassiker begeistert Sie derzeit besonders?

Natalie Peter: Hätte ich die Wahl, würde ich das «Tatzelwurmsofa» kaufen – genannt auch «Schlangensofa» oder offiziell: das «DS-600». Entworfen wurde es in den 1970er-Jahren von Ueli Berger, Eleonora Peduzzi-Riva, Heinz Ulrich und Klaus Vogt für de Sede. Die modularen, mit Reissverschlüssen verbundenen Lederelemente machen es zu einer schlangenartigen Wohnlandschaft. Das Sofa ist eines der bekanntesten Schweizer Möbel des 20. Jahrhunderts. Fun Facts: Das Tatzelwurmsofa hat es als längstes Sofa der Welt ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft. Gleichzeitig wurde es durch Auftritte in James-Bond-Filmen weltweit bekannt.

Wie teuer ist das Sofa?

Je nach Zustand und Ausführung liegt der Preis bei rund 24 000 Franken.

Das H100 existiert seit mehr als zwei Jahrzehnten. Wie hat alles begonnen?

Vor 22 Jahren eröffnete der Inhaber Fabio Dubler neben der Hardbrücke im Zürcher Ausgehviertel den Laden «Bogen33». 22 Jahre später umfasst das Unternehmen mehrere Shops an einem Standort. Im «Bogen33» werden Vintage-Designklassiker angeboten, im «Viadukt*3» alles rund um Möbel aus Massivholz und im «memorie.ch» Neuauflagen von Designklassikern. Hinzu kommt das offene Lager, das «OPENSTORAGE», in der Tiefgarage. Dort werden die Möbel angeliefert, restauriert und an zwei Tagen pro Woche verkauft. 

Wenn ein Designklassiker extravagant und aussergewöhnlich sein soll, was ist Ihre Empfehlung?

Aktuell im Bestand: der Ledersessel «Elda» des italienischen Künstlers Joe Colombo – ein ikonischer Designklassiker. Der Entwurf von 1963 verkörpert den damaligen Space-Age-Gedanken und sieht sehr futuristisch aus. Die grossformatige Fiberglasschale erinnert an eine Raumkapsel und die darin arrangierten Polster an einen Cockpit-Sitz aus einem Science-Fiction-Film. Ein idealer Rückzugsort auf jeden Fall.

Und was unterscheidet Vintagemöbel von einem Designklassiker?

Vintage bezeichnet Möbel aus vergangenen Jahrzehnten, meist zwischen den 1930er- und 1980er-Jahren, die einer bestimmten Stilrichtung zugeordnet werden können. Ein Designklassiker geht darüber hinaus: Er hat sich über Generationen hinweg bewährt und gilt als prägend für die Designgeschichte. Nicht jedes Vintagemöbel ist deshalb automatisch ein Designklassiker.

Die Hallen des H100 sind von oben bis unten mit Vintagemöbeln und Designklassikern gefüllt. Wie finden sich all die Schätze?

Über verschiedene Wege. Wir arbeiten mit internationalen Partnern zusammen, erhalten Angebote von Privatpersonen und suchen auch selbst aktiv nach Möbeln. Der klassische Brocki-Fund ist heute seltener geworden, weil das Bewusstsein für Vintagemöbel stark gestiegen ist.

Gibt es ein Möbelstück, das ein Kassenschlager ist?

Bei uns ist das der «Eames Side Chair». Entworfen wurde er von den Designern Charles Eames und Ray Eames. Berühmt ist er, weil er aus einer Fiberglassitzschale gefertigt ist. Pro Woche verkaufen wir mehrere Stücke. Die Vintage-Originale aus den 1950er bis 1970er Jahren sind wegen der tollen Farben und der sichtbaren Glasfaserstruktur besonders beliebt. Damit wir auch Nachschub haben, suchen wir die Stühle
auf dem internationalen Markt.

Möbel werden ja bekanntlich alt und landen irgendwann auf dem Müll. Ist das Verschwinden von Designklassikern ein Problem?

Leider gehen Designklassiker irgendwann auch einmal kaputt. Sobald wir ein beschädigtes Designerstück bei uns haben, scheuen wir die Mühe nicht, es zu restaurieren. Ein grosses Problem ist es zum Beispiel, wenn der Besitzer den Wert seines Möbelstücks nicht kennt und es nichtsahnend auf dem Sperrmüll entsorgt. So verschwinden die wertvollen Designerstücke. Die Unkenntnis über die Relevanz und den Wert der Möbel ist quasi der grösste Feind unserer Branche.

Welches Möbelstück wird derzeit besonders unterschätzt?

Beispielsweise die Holzstühle der traditionsreichen Schweizer Möbelmanufaktur «Horgen-Glarus». Sie sind die typischen «Schweizer Beizenstühle», die jeder schon mal gesehen hat und die auch in vielen Haushalten anzutreffen sind. Besonders gefragt auf dem Markt ist momentan die Stuhlreihe aus der Edition 1956, unter anderem auch, weil es immer weniger Stühle davon gibt. Entsprechend steigt auch der Marktpreis. Deshalb hier meinen Tipp: Bevor man den alten Holzstuhl wegwirft, zuerst die Marke recherchieren oder einen Fachmann fragen. Denn der Stuhl ist vielleicht wertvoller als gedacht. Aber die Branche hat dem Verschwinden von Designklassikern entgegengewirkt und produziert diese auch neu.

Wenn so ein Designklassiker neu produziert wird, gilt er überhaupt noch als
Original?

Bei den Neuauflagen ist es wichtig, dass die Produktion nicht von den Originalentwürfen abweicht. Zum Beispiel der «Ball Chair» aus dem Jahr 1963 vom finnischen Designer Eero Aarnio. Der kugelförmige, aus Fiberglas fabrizierte Sessel, in den man sich hineinkuschelt, ist das Sinnbild des Space-Age-Designs und eine der markantesten Designikonen des 20. Jahrhunderts. Er wird nach dem Originalentwurf hergestellt und deshalb auch als Original gehandelt.

Originalentwürfe sind mit einer Lizenz geschützt und nicht frei nachbaubar. Wie hat sich die Designwelt da organisiert?

Ja, das ist so. Lizenzen und Rechte gehören immer jemandem. Das Lizenzwesen bei Designklassikern funktioniert im Grundsatz ähnlich wie in anderen kreativen Branchen. Zunächst liegen die Rechte an einem Entwurf beim Designer. In vielen Fällen haben Designer jedoch die Herstellungs- und Vermarktungsrechte vertraglich an ein Unternehmen übertragen. Dadurch wird ein Designklassiker oft exklusiv von einem bestimmten Hersteller produziert. Dieser erhält die Lizenz, das Möbel nach den Originalplänen herzustellen und zu vertreiben. Ein bekanntes Beispiel sind die Entwürfe des Designerpaars Charles und Ray Eames. Die Produktionsrechte ihrer Möbel liegen heute je nach Marktgebiet bei unterschiedlichen Herstellern. In Europa werden sie etwa von Vitra produziert, während in Nordamerika Herman Miller die entsprechenden Rechte hält.

Eine letzte Frage: Hat es jemals ein Möbel einer Möbelkette hierher geschafft?

Nein. Jedes Möbelstück, das wir ankaufen, wird sorgfältig geprüft und wenn nötig restauriert. Entscheidend sind Relevanz, Qualität, Aufwand und Wertbeständigkeit. Verschiedene Personen – vom Werkstattleiter bis zum Inhaber – würden Möbel aus bekannten Billigketten aufgrund unserer Expertise gar nicht erst ankaufen.

 

H100 – Das Möbelhaus in Zürich vereint mit Bogen33, Memorie.ch und Viadukt*3 kuratierte Möbelwelten unter einem Dach. Von Designklassikern über Vintage bis hin zu zeitgenössischem Design. Die Möbelstücke können zudem für Events gemietet werden. Mehr Infos unter h100.ch/vermietung. Ausserdem werden unter der Marke «SwissFurniture» renommierte Schweizer Designklassiker neu produziert. Mehr dazu unter swissfurniture.org.