Hella Jongerius gehört seit Jahrzehnten zu den bedeutenden Stimmen im internationalen Design. Ihren Designs gehen umfangreiche Recherchen voraus. So hat sie tiefe Materialkenntnisse erworben, auf denen ihre Entwürfe beruhen. Ihr Gestaltungsansatz ist forschungsbasiert, und so hat sich über die 30 Jahre ihres Schaffens ein riesiges Arbeitsarchiv angesammelt, das sie nun dem Vitra Design Museum übergeben hat.
Gestalten für eine Welt, die schon genug hat
Anlass genug, dort nun eine Retrospektive ihres Schaffens zu zeigen. Museumsdirektor Mateo Kries würdigt: «Hella Jongerius hat Handwerkskünste wie Keramik und Textilgestaltung mit neuem Leben erfüllt, Muster und Ornamente in das zeitgenössische Design zurückgebracht und eine einzigartige Ästhetik entwickelt, die auf Materialvielfalt, auf das Handgefertigte und das Unvollkommene setzt.»
Die farbstarken Objekte, die in der Ausstellung versammelt sind, zeigen ihre Hingabe an handwerkliche Prozesse, ihre intensive Auseinandersetzung mit Materialität. Das reicht von Wandbehängen und Stoffen über Keramik und Möbeln bis zu Lampen und auch skulpturalen Werken. Für Jongerius (geboren 1963 in De Meern, Niederlande ) steht immer die Frage im Raum: «Wie gestaltet man für eine Welt, die eigentlich schon genug hat? Welche Dinge fördern Wertschätzung und Achtsamkeit statt Konsum und Wegwerfkultur?»
Die Ausstellung verfolgt ihre Entwicklung von den ersten Anfängen in den 1990er-Jahren bis zu den sehr persönlichen Arbeiten der letzten Jahre. Schon früh ringt sie mit dem Konsumverhalten, das ihrem Beruf innewohnt. Hella Jongerius versucht, Menschen dafür zu sensibilisieren, dass gutes Design Bedeutung hat und erkundet das Potenzial neuer Materialien, welche die Erde weniger belasten. Die Frage der Wegwerfmentalität beschäftigt sie ihr ganzes Berufsleben lang.
Hella Jongerius Entwurf zum Studienabschluss Anfang der Neunziger Jahre – eine Badematte aus transparentem Polyurethan-Gummi – eröffnet im ersten Raum die Ausstellung. Die Badematte wurde damals vom Designkollektiv «Droog Design» produziert, bei dem Jongerius als eine der massgeblichen Designerinnen tätig war. Die Matte ist, ein wenig in der Anmutung einer überdimensionierten Luftpolsterfolie, mit Erhebungen in Form von Halbkugeln versehen. Diese erinnern an die Wassertropfen in der Dusche, aus der heraus man die Matte betritt. Beim Betreten erzeugen die Halbkugeln ein weiches Gefühl. Dieses einerseits stabile und andererseits flexible Material wird die niederländische Designerin über die kommenden Jahre begleiten, etwa beim Design von «Pushed Washtub», einem Waschbecken, das sie aus diesem flexiblen Material herstellt. Eigentlich wird es in der Industrie eingesetzt, um Giessformen herzustellen.
Auch auf ihren Reisen liess sie sich inspirieren. In Uganda war sie 1998 fasziniert von der Arbeit eines Tischlers, der mit einfachen Mitteln Klappstühle in einer ausgeklügelten A-Rahmen-Konstruktion produzierte. Sie begann nach ihrer Rückkehr, diese Stühle mit Carbonfasern und Polstern aus Schaffell zum «Kasese Chair» umzuarbeiten.
Zu ihren bekanntesten Werken gehört das Polder Sofa, das auch ihr erstes seriell hergestelltes Möbelstück war. Es ist aus rechteckigen Formen zusammengesetzt und mit Polsterstoff in bis zu sechs Nuancen derselben Farbe in verschiedenen Texturen und aus verschiedenen Materialien von Baumwolle bis zu Mischgeweben bezogen. So spielen, typisch für Jongerius, in einer Collage-Ästhetik Farbe, Licht und Material zu einem Ganzen zusammen. Der Name des Sofas spielt auf die niederländischen Polderlandschaften an mit ihren tief gelegenen Feldern, welche die Menschen dem Meer abgerungen haben.
Jongerius gibt sich nicht mit dem zufrieden, was schon da ist. Typisch für ihre Experimente mit Materialien sind ihre Teppiche, die von den Firmen Kvadrat und Maharam hergestellt werden. Bei Teppichen gibt es keine komplexen Konstruktionen zu berücksichtigen. Also kann sie sich mit den Materialien selbst beschäftigen. So lässt sie eigens in speziellen Spinntechniken ungleichmässige Fäden herstellen. «Wenn man eine Unregelmässigkeit gut gestaltet, kann sie zu einer Qualität werden», sagt Jongerius dazu. «Man bringt Energie in ein Projekt – haucht ihm Leben ein und hebt es über die blasse industrielle Perfektion hinaus.» Die entstehenden nuancierten Oberflächen laden dazu ein, die Schuhe auszuziehen und sie zu spüren.
Farben und Oberflächenbeschaffenheit
Hella Jongerius beschäftigt sich seit jeher intensiv mit Farben und Oberflächen. Immer wieder wird sie daher gefragt, ob sie eine Lieblingsfarbe hätte. Hat sie nicht. Denn darum geht es ihr in ihren Experimenten gar nicht, in denen sie sich unter anderem intensiv mit industriellen Pigmenten auseinandergesetzt hat. Sie meint: «Die Schönheit der Farben liegt in ihrer zentralen Eigenschaft, der Instabilität. Und diese sollte als solche erfahrbar sein.» Das Erscheinungsbild ändert sich ständig, je nach Kontext, Oberflächenbeschaffenheit und Licht. Ihre Forschungen auf dem Gebiet der Farben, Materialien und Webtechniken führt sie zu hochspannenden Interieurstoffen, unter anderem für Möbel, aber auch weiter zu dreidimensionalen Raumgeweben, von denen zahlreiche in der Ausstellung zu sehen sind. Und unter anderem zu einer Serie von 300 Vasen aus Keramik, die mit Kombinationen von Pigmenten bemalt sind. Auch sie sind, kegelartig aufgetürmt, in den Ausstellungsräumen zu sehen.
Die Ausstellung ist die erste umfangreiche Retrospektive aufs Schaffen der Künstlerin, die auch als Art Direktorin und Beraterin für Vitra und andere Hersteller tätig war. Dieser Umstand erklärt die enge Bande zu Vitra, die zur Überführung ihres Arbeitsarchivs ins Vitra Design Museum geführt haben.
«Man bringt Energie in ein Projekt – haucht ihm Leben ein und hebt es über die blasse industrielle Perfektion hinaus.»
Zur Ausstellung
Hella Jongerius «Whispering Things», Ausstellung im Vitra Design Museum bis zum 06.09.2026.
Mehr Infos unter: design-museum.de












