Wohnen

Von der Landschaft inspirierte Kompositionen

Naturnah wirkende Pflanzbilder erzeugen das typische «Tom Stuart-Smith»-Gefühl von wilder, kontrollierter Natürlichkeit. Der renommierte britische Gartendesigner verbindet wildwüchsige Pflanzungen mit moderner Architektur.

von Felix Käppeli

Fachredaktor Garten, JardinSuisse

Im Mastergarden von Tom Stuart-Smith an der diesjährigen Giardina kam sein unverkennbares Gestaltungsmuster zum Ausdruck. Seine Idee basierte auf einer poetischen, lebendigen Landschaft in einer reduzierten und klaren Formensprache mit Wegen und Raumkanten.

Zum 25-jährigen Jubiläum der Giardina entwarf Tom Stuart-Smith in Kooperation mit Schweizer Partnerfirmen eine Garteninszenierung, welche die Messebesuchenden zum Eintauchen, Verweilen und Entschleunigen einlud. Nachhaltigkeit und Langlebigkeit spielten in diesem Gartenkonzept eine bedeutende Rolle: Die Verwendung robuster Arten, eine standortgerechte Pflanzung und der Fokus auf die Artenvielfalt waren dabei ganz im Sinne einer naturnahen Gartenkultur mit langfristiger Wirkung.

Britisches Gartendesign und Schweizer Handwerkskunst

Der Garten war als begehbare Sequenz von Räumen angelegt, in denen Blickachsen, Durchgänge und Höhenstaffelungen gezielt in Szene gesetzt wurden. Ausgewachsene Föhren (Pinus sylvestris), die seit über 40 Jahren in einer Schweizer Baumschule kultiviert werden, bildeten die strukturellen Orientierungspunkte und standen sinnbildlich für Stabilität, Verwurzelung und Wachstum. Sandstein aus der Ostschweiz und eine schon fast wildwüchsige Bepflanzung schufen ein Gefühl von Natürlichkeit und Inspiration, wie auch von Ruhe und Lebendigkeit. Die Bepflanzung war auf dicht gesetzte, naturnah wirkende Stauden- und Gräser-Kombinationen ausgerichtet mit teils saisonaler Dynamik, wie man sie aus Tom Stuart-Smiths Gartenprojekten kennt.

Gezeigt wurde eine schlüssige Verbindung aus britischem Gartendesign und Schweizer Handwerkskunst. Die gestalterische Klarheit des Entwurfs traf auf eine ebenso überzeugende funktionale Sorgfalt.

Der Baum als Leitmotiv

Der Baum als die «Seele des Gartens» erzählte seine eigentliche Geschichte. Steht er doch sinnbildlich für Beständigkeit, Erinnerung und Zukunftsfähigkeit. Alle weiteren Gestaltungselemente wie Wasser, Stein und die reichhaltige Bepflanzung fügten sich harmonisch in das Gesamtbild ein. Die Unterpflanzung erinnerte an einen Waldsaum: Stauden, Gräser und Sträucher wurden wie an einem lichten Waldrand arrangiert. So wirkten die Bäume weniger als isolierte Gestaltungselemente, sondern vielmehr als Teil einer lebendigen Gemeinschaft – eines fein verwobenen ökologischen Gefüges. Zwischen ihnen entstand das Gefühl eines stillen Dialogs – eines Gartens, der wächst, reagiert und sich wandelt. Dennoch traten die markanten Solitäre kraftvoll hervor. Als charaktervolle, aufstrebende Vertikale prägten sie den Raum, zeichneten die Silhouette gegen den Himmel und lenkten Blickachsen und Proportionen des Gartens mit selbstverständlicher Präsenz.

Wege, Natursteinpodeste und Sitzkanten orientierten sich direkt an den Bäumen und wurden bewusst nah an die Baumstämme geführt, so dass Rindenstruktur, Stammform und Schattenwurf sinnlich erfahrbar wurden. So wurde der Baum zum räumlichen, atmosphärischen und symbolischen Mittelpunkt. Die Bäume trugen den Raum, lenkten und beruhigten. Mehrere Bäume waren so platziert, dass sich ihre Kronen zu einem grünen Dach verwoben, unter dem Wege, Aufenthaltsorte und das Wasserbecken ihren Platz fanden. Dadurch verlor die Abgrenzung des Messestandes ihre Schärfe, und es entstanden verwunschene, beinahe geheimnisvolle Rückzugsorte unter dem Baumkronendach.

Der Macher des Mastergardens

Für ein authentisches Gartenfeeling hatten Tom Stuart-Smith und sein «Schweizer Team» bestens gesorgt. Der englische Gartengestalter verbindet naturnahe, wildwüchsige Pflanzungen mit moderner Architektur. Inspiriert von historischen englischen Gärten entwickelte er deren Stil weiter – mit seinem «supernormalen Naturalismus» und den «überhöhten natürlichen Formen». Seinen Durchbruch erzielte er mit Broughton Grange (2000), einem der einflussreichsten modernen Gärten Englands. Zu seinen bekannten Projekten zählen Knepp Castle, der «Wildflower Garden» in der Hamburger Parkanlage Planten und Blomen (2025) und mehrere Beiträge zur Chelsea Flower Show, wo er acht Goldmedaillen, darunter dreimal «Best in Show», gewann. Sein Stil basiert auf Kontinuität statt klarer räumlicher Abgrenzung – mit bandförmigen Pflanzungen, wiederkehrenden Arten und einer begrenzten Farbpalette in Bordeaux, Lila und Braun. Typisch sind Kombinationen kräftiger Stauden wie Echinacea, Fenchel, Disteln, Königskerzen und Japangras mit modernen Elementen wie Cortenstahl. Durch die Wiederholung weniger Pflanzen in sorgfältiger, bandartiger Ordnung entsteht eine natürliche Harmonie zwischen Struktur und Spontaneität. Dieses Prinzip lässt seine Gärten grosszügiger und einheitlicher wirken. So, als wären sie natürlich gewachsen.

Im Gegensatz zu traditionellen englischen Gärten mit klar getrennten Räumen schafft Stuart-Smith durch sich wiederholende bandartige Pflanzungen mit wenigen Arten ein fliessendes Kontinuum. Statt bunter Vielfalt oder zu strengen Formen setzt er auf eine dekonstruierte Natürlichkeit, die wie eine imaginäre, strukturierte, aber dennoch wilde Landschaft wirkt. Seine Gärten bilden ein wirkungsvolles und kreatives Spannungsfeld zwischen Ordnung und Natürlichkeit.